Mehrfacherfüllung

Leicht gehen sie uns über die Lippen, die Wörter. „Doppelbelastung“ zum Beispiel. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Finanzwissenschaft und meint, dass der Staat einen Wert durch zwei verschiedene Steuern, zum Beispiel Lohn- und Körperschaftssteuer, belastet. Wer aber heutzutage auf der Strasse jemanden fragt, was „Doppelbelastung“ sei, wird höchstwahrscheinlich die Geschichte einer Frau zu hören bekommen, die gleichzeitig erwerbstätig ist und eine Familie versorgt. Natürlich gibt es auch Männer, die einen Geldjob machen und darüber hinaus zuhause arbeiten, also Babies wickeln, Klos putzen, Essen kochen, Fieber messen und so weiter. Aber weil es Frauen waren, die vor ein paar Jahrzehnten mit guten Gründen aufgehört haben, „nur zuhause“ zu sein, und weil viele Männer bis heute nicht verstanden haben, dass diese Entscheidung sie etwas angeht, sehen wir vor allem Tüten schleppende, von Termin zu Termin eilende, müde Multitasking-Mütter vor uns, wenn wir „Doppelbelastung“ hören.

Auszug aus dem Hausfrauenleben

Warum haben Frauen eigentlich aufgehört, sich als das wohlzufühlen, was man heute  abschätzig eine „Nur-Hausfrau“ nennt? Der wichtigste Grund war wohl, dass sie genug hatten von Abhängigkeit. Weil sie mit ihrer vielen Hausarbeit, so anstrengend sie auch sein mochte, kein Geld verdienten und deshalb in einer mehr und mehr vom Geld gesteuerten Gesellschaft zu wenig Bewegungsfreiheit hatten, suchten sie Zugang zum eigenen Einkommen. Und: sie wollten über den eigenen Privathaushalt hinaus die Welt mitgestalten. Also fingen sie an, etwas zu unternehmen, um in der Öffentlichkeit sichtbar und anerkannt zu werden. Einige wollten wohl auch einfach „sein wie Männer“, weil sie feststellten, dass es nicht Hausfrauen, sondern Männer waren, die fast alle wichtigen öffentlichen Entscheidungen fällten.

„Das Leben“ wird zur Anstrengung

Nun verschwindet allerdings die Haus- und Familienarbeit nicht, wenn alle Erwachsenen sich ausser Haus verausgaben. Selbst wer die modernsten Haushaltsgeräte besitzt, muss noch einkaufen, den Tisch decken, Kinder trösten, dem Partner zuhören, den Müll entsorgen und all die kleinen Dinge tun, die ein Haus zum wohnlichen Ort machen. Und genau hier entsteht für Frauen, die „wie Männer sein“ und für Männer, die sich nicht ändern wollen, eine Belastung, mit der sie nicht gerechnet haben. Sie stellen fest: was sie „das Leben“ oder „Feierabend“ genannt haben, passiert nicht einfach von selbst, sondern will erarbeitet sein. Wenn Mann und Frau tagsüber ausser Haus tätig sind, können sie nicht mehr einfach erwarten, dass nach Dienstschluss unbeschwerte „Freizeit“ beginnt. Denn niemand hat dafür gesorgt, dass es zuhause gemütlich ist. Weil es keine „guten Geister“ mehr gibt, die stolz auf die Unsichtbarkeit ihrer Arbeit sind, entsteht, was wir „Doppelbelastung“ nennen: ein nicht enden wollendes Gefordertsein.

Ist jetzt alles Last?

Die Entwicklung von der klassischen Hausfrauenehe zur Berufstätigkeit aller ist vollkommen logisch und hat viele gute Gründe. Ich selbst habe den Kampf um weibliche Freiheit mitgekämpft und kann mir heute ein Dasein „nur zuhause“ nicht mehr vorstellen. Aber wir sind noch nicht am Ziel.

Wer sich nämlich anschaut, wie man heute gewohnheitsmässig über Arbeit und Leben spricht, gerät ins Staunen: Eine reiche Gesellschaft, in der es von allem mehr als genug gibt, empfindet das ganze Leben als Last. Geldverdienen ist lästig, weil es die Arbeit im Haus zum zusätzlichen Stress macht. Hausarbeit ist lästig, weil sie den Feierabend stört. Arbeitswege sind lästig, weil sie zusätzlich Zeit kosten. Für Freizeit bleibt kaum mehr Energie übrig. Und schliesslich: Kinder sind lästig, weil sie noch mehr Arbeit machen und Geld kosten. Die muslimischen Nachbarn endlich zu einem selbstgekochten Essen einzuladen, kostet bei weitem zu viel Kraft. Und so weiter. Patriarchal geordnete Familienverhältnisse scheinen sich für viele noch nicht in die erwünschte Bewegungsfreiheit, sondern in Dauerstress verwandelt zu haben.

Sprache und Wirklichkeit in Bewegung setzen

Dabei haben wir Frauen jetzt eigentlich erreicht, was wir wollten: wir sind allüberall in der Gesellschaft anzutreffen, in Regierungen und Chefetagen, in Universitäten, in den Medien – und immer noch in Haushalten, wo wir, genau besehen, nicht einfach einen zusätzlichen Stressjob machen, sondern in Freiheit das Zusammenleben gestalten mit den Menschen, die wir lieben. Menschliche Neuankömmlinge achtsam und kundig in die Welt der Erwachsenen zu begleiten, ist eine der schönsten Aufgaben, die das menschliche Dasein zu bieten hat. Eine Last?

Das vielfältige Tätigsein einer berufstätigen Mutter nur als Dauerbelastung wahrzunehmen, ist zynisch und versperrt oft den Weg zur Lebensfreude. Obwohl es natürlich stimmt, dass „die Verhältnisse“ noch nicht ideal sind. Vielleicht würde es helfen, das postpatriarchale Leben einfach einmal anders zu nennen, versuchsweise, ernsthaft-spielerisch: Mehrfacherfüllung?

Womöglich setzen neue Wörter ja die notwendige Phantasie in Gang, die den Dauerstress allmählich in das verwandelt, was wir uns immer noch wünschen: ein vielseitiges, Welt gestaltendes, genussreiches Dasein in Bezogenheit und Fülle.

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3 Kommentare

  1. Vielleicht würde es auch helfen, wenn die Männer mehr mithelfen würden? Deren Anteil an der Hausarbeit und Kinderpflege liegt noch immer weit unter 50%, während sie aber voll davon profitieren.

    Ich weigere mich ganz entschieden, mir die Doppelbelastung schön zu reden, solange mein Partner immer noch nur eine Einfachbelastung hat. So leicht dürfen wir es den Herren nun bitte wirklich nicht machen.

    Antwort
  2. Lebensfreude als berufstätige oder allein erziehende Mutter? Das geht, einfach den Begriff „Mehrfachbelastung“ in „Mehrfacherfüllung“ umbenennen. Nein, ich bin nicht mehr belastet, ich bin erfüllt! Ich bin dankbar für das, was ich in meinem Leben so alles tun durfte, auch im Multitasking-Modus, und dass ich es am Ende auch allein tun darf, ohne dass mir dabei irgend jemand hilft, kann ich von einem Allein-und-im-Stich-gelassen-werden in ein kraftvolles Autark-agieren umwandeln. So kann ich mir meine Wirklichkeit allein durch Wechseln meines Standpunktes und meiner Perspektive von passiv nach aktiv umgestalten. Jammern hilft nicht weiter, tun statt lamentieren, nun krämpeln wir die Ärmel hoch und übernehmen Verantwortung für uns selbst.

    Wer sich jetzt fragt: Meint die das ernst oder ironisch? Dem antworte ich: Ganz nach Belieben 🙂

    Antwort
  3. @Südelbien: Da kann ich nur sagen: auch für mich gilt http://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/sowohl-als-auch/ @Leaving Orbit: Da hast du vollkommen Recht, steht ja auch im Blogpost drin, bloss mal zur Abwechslung nicht ganz so betont mittendrin 🙂

    Antwort

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