Das postmoderne Gebet

Öffentlich zuzugeben, dass ich bete, ist mir oft peinlich. Wenn ich keine Lust auf Peinlichkeiten und umständliche Erklärungen habe, dann sage ich lieber, dass ich täglich meditiere. Zwar weiss ich, dass Meditation etwas anderes ist als Gebet. Aber so ungefähr werden die Leute schon verstehen, was ich meine. Zumal ich vermute, dass auch andere es vorziehen, sich öffentlich als Meditierende statt als Betende darzustellen, weil es auch ihnen peinlich ist zuzugeben, dass sie mit GOTT sprechen.

Warum ist Beten peinlich?

In einem Gottesdienst gemeinsam mit anderen das Unservater zu sprechen, mag noch angehen. Denn das ist eingespielte Praxis, in die ich mich stellen kann, ohne die ganze Verantwortung dafür zu übernehmen. Auch wenn ich als Pfarrerin ein Gebet spreche, das ich selbst formuliert habe, kann ich mich noch im Talar verstecken: hinter meiner Pflicht als Liturgin. Schliesslich erwartet die Gemeinde, dass ich GOTT hier und jetzt mit DU anrede. Wenn ich aber sage, dass ich bei mir zuhause bete, regelmässig, bei vollem Bewusstsein, nicht nur in Panik (das wäre entschuldbar), dann wird offenbar: ich bin zurück geblieben. Wer mich für aufgeklärt, also intelligent hielt, hat sich getäuscht. Ich bin stecken geblieben in der altmodischen Meinung, es gebe da irgendwo im Himmel eine Person, der ich mein Leid klagen, der ich für Bewahrung danken und die ich um Hilfe bitten kann.

Meditieren ist etwas anderes. Zwar leitet sich der Begriff vom lateinischen Wort „meditatio“ ab, stammt also aus der westlich-christlichen Tradition. In dieser Tradition meint Meditation die Vorbereitung auf das Wesentliche, und das Wesentliche ist dann eben die Begegnung mit dem personalen Gegenüber GOTT – im Gebet. Weil man aber einmal entschieden hat, dass mit diesem lateinischen Wort „Meditation“ am besten übersetzt ist, was das Wesen östlicher religiöser Praxis, insbesondere des Zen-Buddhismus, ausmacht, wird „Meditation“ heute als Oberbegriff für verschiedene spirituelle Übungen gebraucht, in denen es nicht notwendigerweise um die Begegnung mit einer unsichtbaren Person geht. Und genau aus diesem Grund ist es weniger peinlich zu meditieren als zu beten. Denn wenn ich sage, dass ich meditiere, dann sage ich nichts weiter als dies: auf irgendeine Weise ziehe ich mich aus „dem Naherlebnis der Welt, seinem Druck und seiner Ablenkung“[1] zurück, um mich in irgendetwas, zum Beispiel mich selbst, ein Bild oder einen Text zu versenken. Das ist unverdächtig. Denn sich in irgendetwas zu vertiefen setzt nicht voraus, dass ich an die Realpräsenz dessen glaube, von dem Immanuel Kant erwiesen hat, dass es nur als Postulat der praktischen Vernunft existiert.

Ich bete aber. Ich sitze da, zweimal täglich, oft öfter, und spreche mit JEMANDEM. Genauer: nicht immer spreche ich mit JEMANDEM, manchmal sitze ich einfach da und warte, was passiert. Oder ich spüre, wie es mir jetzt geht. Oder ich lege mir zurecht, was ich am heutigen Tag tun will. Oder ich entwerfe das Mittagessen. Oder ich freue mich, dass ich heute, anders als gestern, kein Kopfweh mehr habe und dass meine Tochter wohlgemut in die Schule gegangen ist. Und damit fängt es dann schon an: ich freue mich nicht nur, ich danke. Wem soll ich danken, dass ich heute, anders als gestern, kein Kopfweh mehr habe, dass meine Tochter wohlgemut in die Schule gegangen ist und dass draussen die Sonne scheint? Mir selber? Das wäre unangemessen. Meiner Tochter? Auch sie hat ihre gute Laune nicht selbst hergestellt. Wem also? Und wem soll ich klagen, dass ich keine Lust habe, mich an den Schreibtisch zu setzen? Wem soll ich sagen, dass mir wieder einmal der Sinn meines Tuns abhanden zu kommen droht, weil auch heute wieder Tausende von Menschen am Hunger sterben werden? Und wen soll ich bitten, dass ich trotzdem auch heute nicht verzweifeln und dass uns kein grosses Unglück geschehen möge? – Ich kann mir nicht helfen, immer wieder kommt GOTT herein. Es geht mir wie Astrid Lindgren:

„Nein, offen gestanden glaube ich nicht an Gott … Freilich … vielleicht ist es eine Schande, dass ich Gott leugne, wenn ich ihm ja trotzdem so oft danke und zu ihm bete, wenn ich verzweifelt bin.“[2]

Mag sein, dass die Gewohnheit, sich an ein unsichtbares DU, DIE DU FÜR MICH DA BIST (Ex 3, 14), zu wenden, ein Relikt aus unaufgeklärter Zeit ist. Vielleicht wird sich diese Gewohnheit irgendwann auflösen. Es könnte aber auch sein, dass Menschen dieses Bezogensein brauchen, weil sie als nichtbezogene Wesen gar nicht existieren. Menschen werden geboren, sie kommen aus engster Bezogenheit. Vom ersten Tag ihres Lebens an beziehen sie sich auf andere, wie sollten sie damit aufhören? Vielleicht ist Beten erweitertes Sein-in-menschlicher-Bezogenheit? So wie Frömmigkeit erweiterte Dankbarkeit ist?[3] Wer wäre dann aber GOTT? Der INBEGRIFF ALL DESSEN, WORAUF ICH ANGEWIESEN BIN? Die FÜLLE, die mich, seit ich da bin, täglich nährt? Kann man mit dieser FÜLLE sprechen? – Ja, ich kann. Denn wenn ich es nicht könnte, dann würde ich nicht beten. Dass ich bete, ist aber eine Tatsache. Ist GOTT vielleicht grösser als meine Vorstellungen von Personsein und Nicht-Personsein?

Die umständlichen Erklärungen, die ich zuweilen abgebe, wenn ich wieder einmal beschlossen habe, öffentlich zuzugeben, dass ich bete, hören sich ungefähr an wie dieser Text. Wenn sie mein Gegenüber noch nicht überzeugen, dann füge ich manchmal hinzu, es handle sich eben um ein postmodernes Beten. Denn meines Wissens sagen einige Denkerinnen und Denker der Postmoderne, man könne nicht immer durchschauen und präzis sagen, was man gerade tut, man könne daher auch nicht immer vermeiden, Dinge zu tun, die man nicht versteht. Ich bete also weiter. Und je länger je deutlicher mache ich die Erfahrung, dass postmodernes Beten mir und der Welt frommt.

(Dieser Text ist zuerst erschienen in: Ina Praetorius, Gott dazwischen. Eine unfertige Theologie, Ostfildern 2008, 75-77)


[1] Wolfgang Trillhaas, Art. „Meditation“ in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) 1986.

[2] Astrid Lindgren, Steine auf dem Küchenbord. Gedanken, Erinnerungen, Einfälle, Hamburg 2000, 81.

[3] Vgl. dazu Ina Praetorius, Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition, Gütersloh 2005, 47-49.

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