Hindernisse und Hemmnisse im Prozess der Vermittlung von Frauenwissen

1. Seit Jahrhunderten wird das Weibliche in westlicher Tradition als Mutterboden (Materia von mater=Mutter, Natura von nasci=Geboren werden) imaginiert, der dem männlichen Geist Nahrung spendet, selbst aber – mangels eigenem selbsttätigem Geist – nicht zur Weltgestaltung befähigt ist.

2. Aus dieser ursprünglichen Trennung von (weiblicher) formbarer Materie und (männlichem) formendem Geist hat sich eine symbolische Ordnung entwickelt, die Weltgestaltung zunächst ausschliesslich als männliche, (von stummer Weiblichkeit genährte) Aktivität begreift, später „Menschsein“ systematisch mit „Mannsein“ verwechselt.

3. Was ein Mann sagt, gilt in dieser Konstellation logischerweise als allgemeinmenschlich und damit allgemeingültig und (potentiell) weltgestaltend. Was eine Frau sagt, wird demgegenüber entweder als papageienhaftes Nachgeplapper oder als spezielle, nur partiell relevante und allenfalls indirekt weltgestaltend wirksame Nebensache (als „Frauenthema“, „Nebenwiderspruch“ etc.) wahrgenommen.

4. Die Hindernisse und Hemmnisse bei der Tradierung von Frauenwissen ergeben sich aus dieser Grundkonstellation und können nur behoben werden, wenn die Konstellation selbst durchschaut und aus den Angeln gehoben wird.

5. Im ausgehenden Patriarchat sind die fixen Zuschreibungen an die Geschlechter (s.o.) zwar aufgeweicht, aber weiterhin wirksam. Das zeigt sich daran, dass Frauen, die öffentlich sprechen, nach wie vor in ein Dilemma geraten: Tritt eine Frau offensiv als Geschlechtswesen auf, indem sie sich zum Beispiel als „Feministin“ bezeichnet und die Geschlechterdifferenz unverstellt zum Thema macht, wird sie – von Frauen und Männern gleichermassen – als Aktivistin wahrgenommen, die nicht objektiv „Wahrheit“ über die Welt sagt, sondern partiale Interessen verfolgt. Verbirgt sie hingegen ihr Geschlecht (indem sie, zum Beispiel, einen grauen Anzug mit Schulterpolstern und die Haare kurz geschnitten trägt), bringt sie zum Ausdruck, dass sie die Geschlechterdifferenz und damit ein Grundproblem der symbolischen Ordnung nicht zum Thema machen, sondern in der patriarchal definierten (Pseudo-)Neutralität bleiben will. Das führt ebenfalls dazu, dass die Geschlechterdifferenz nicht in die Weltgestaltung einbezogen werden kann.

6. In beiden Fällen bleibt die Trennung zwischen irrelevant-partialem Frauenwissen und vermeintlich objektivem Wissen, das die Geschlechterdifferenz nicht als erklärungsrelevant für „allgemeine“ Themen zulässt, bestehen. Und dies wiederum führt dazu, dass Frauen, die sich nicht ausdrücklich auf „Frauenthemen“ spezialisieren wollen, das Wissen ihrer Vorgängerinnen systematisch aus dem Blick verlieren. Dass nicht jede sich auf „Frauenthemen“ spezialisieren will, ist logisch, denn erstens sind Frauen verschieden voneinander, und zweitens verlangt die Spezialisierung auf diese (vermeintliche) Nebensache bis heute, sich freiwillig in die Position des „Opfers“ und der „Unterdrückten“ zu begeben, was als Kränkung empfunden werden kann und häufig dem individuellen Fortkommen schadet.

7. Der Weg aus dem Dilemma kann nur über die Einsicht in die patriarchale Grundkonstellation führen. Habe ich nämlich einmal verstanden, dass ein Wissen, das die Geschlechterdifferenz nicht unterschlägt, sondern für die Weltgestaltung fruchtbar macht, systematisch unwirksam gemacht wird, kann ich beginnen, Ursachen statt Symptome zu bearbeiten. Indem ich einerseits männliche Pseudo-Neutralität entuniversalisiere, andererseits systematisch die Verbindungslinien zwischen scheinbar partialen „Frauenthemen“ und scheinbar geschlechtsneutralen „Allgemeinheiten“ entdecke und sichtbar mache.

8. Konkret kann dies bedeuten:

– Geschlechter verwirren: Angabe des eigenen Geschlechts verweigern, in anonymen Gesprächszusammenhängen (Internet) „Mann“ spielen, d.h. unter männlichem Pseudonym so argumentieren, wie ich es mir von Männern wünschen würde, sich bewusst unterschiedlich inszenieren (mal „weiblich“, mal „männlich“ auftreten), weibliches Genus generisch benutzen, flexibel bleiben und keine Technik absolut setzen…

– Pseudoneutralität dekonstruieren: Männer systematisch auf ihr Geschlecht ansprechen und sie auffordern, es zum gerade besprochenen Problem in Beziehung zu setzen, die „allgemeine“ Geschichtsschreibung/ Politik/ Wirtschaft etc. von weiblicher Lebenswirklichkeit her korrigieren, die Verbindungen zwischen Geschlechterfrage und „allgemeinen“ Fragen sorgfältig auf den Begriff bringen, Männern Bücher von Frauen schenken und mit ihnen darüber sprechen, Gurubeziehungen meiden, andere Frauen darauf hinweisen, wenn sie einem Guru aufzusitzen im Begriff sind…

– Weibliche Autorität stärken: Frauen in „allgemeinen“ Zusammenhängen zitieren, Bücher von Frauen lesen, rezensieren und empfehlen, Organisationen unterstützen/gründen, die weibliches Wissen pflegen und vermitteln, Frauenleben erforschen, Affidamentobeziehungen pflegen, Frau-zu-Frau-Mentoring…

– Humor: Frauencabaret nicht nur über Sex, Hausfrauen und Männerbeziehungen, männliche „Neutralität“ parodieren, Männerwitze gut dosiert einsetzen, Selbstironie lernen…

– Weibliche Differenz einüben und markieren: öffentlich (fair) mit anderen Frauen streiten, Frauen auch kritisch zitieren, die eigene Mutter anerkennen, Frauen nach den Motiven für ihr Handeln fragen, neugierig auf „ganz andere“ Frauen sein…

(Mai 2010)

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2 Kommentare

  1. Liebe Ina
    Ich merke, dass ich einige deiner Empfehlungen bereits beherzige. Ich arbeite weiter daran …

    Antwort
  1. Antwortlichkeit | DurchEinAnderBlog

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