Die Ökonomie der Geburtlichkeit

Wenn man heute irgendjemand auf der Strasse fragen würde, was Ökonomie oder Wirtschaft ist, dann würde er oder sie mit grosser Wahrscheinlichkeit zuerst ans Geld denken. Und dann vielleicht noch an das, worüber er sich täglich im „Wirtschaftsteil“ einer Tageszeitung informieren kann: über Industriebetriebe und ihre Bilanzen, Bankencrashs, Zinspolitik, Konjunkturprogramme, Standortvorteile, Aktienkurse, Konsumanreize, den Weltwährungsfonds etc.

Wer allerdings ein Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaft aufschlägt, findet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gleich am Anfang eine sehr grundlegende Definition, die mit Geld zunächst überhaupt nichts zu tun hat. In dem kleinen gelben Buch „Grundwissen Wirtschaft“, mit dem ich mir vor vielen Jahren ökonomische Grundkenntnisse angeeignet habe, steht zum Beispiel ganz am Anfang dieser Satz:

„Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.“[1]

Im Prinzip müsste es nach dieser üblichen und weitgehend unumstrittenen Definition in der Ökonomie also zentral um die Frage gehen, wie wir Menschen zu dem kommen, was wir zum Leben brauchen. Um Bedürfnisbefriedigung also.

Tatsächlich befasste sich die antike Ökonomie, wie wir sie z.B. von Aristoteles her kennen, mit dieser Frage. Der Begriff „Ökonomie“ setzt sich aus zwei altgriechischen Wörtern zusammen: Oikos und Nomos. Oikos heisst Haus oder Haushalt. Nomos heisst Gesetz. Ökonomie befasst sich ursprünglich mit dem Haushalt und mit der Frage, wie Menschen so zusammen leben können, dass alle bekommen, was sie zum Leben brauchen. Geld, Markt und Warentausch sind in der antiken Wirtschaftslehre eine Randerscheinung. Denn tauschen kann nur, wer etwas übrig hat. Geld ist zweitrangig, kommt erst ins Spiel, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind.

Diese sinnvolle Ordnung hat sich heute verkehrt: Das Geld ist in unserer Gegenwart gewissermassen zum Haupt-Lebensmittel geworden, obwohl man es nicht essen kann. Man hat den Markt, das Zweitrangige, ins Zentrum geschoben, den Haushalt zum belanglosen Anhängsel gemacht oder sogar ganz aus dem Wirtschaftsdiskurs verdrängt. Und genau deshalb sind Finanzkrisen für uns so bedrohlich. Weil das Geld zum unverzichtbaren Lebensmittel geworden ist. Für all diejenigen zumindest, die nicht in Selbstversorgungsbetrieben leben. Und das ist inzwischen die grosse Mehrheit.

Wie ist es zu dieser Umkehrung gekommen?

Ganz einfach: Das Patriarchat hat die Wirtschaft, wie so vieles, auf den Kopf gestellt. Auch diese Verkehrung fing schon in der griechischen Antike an. Damals hat man die Welt zweigeteilt: in eine „höhere“ Sphäre männlicher Freiheit und eine „niedrige“ Sphäre weiblicher Abhängigkeit. Zwar hat Aristoteles die Wirtschaft noch als Bedürfnisbefriedigung verstanden. Aber schon für ihn war klar: Bedürfnisbefriedigung ist ein niedriges Geschäft, ist Weiberkram und Sklavenarbeit. Der Philosoph würde nie selbst einen Scheuerlappen in die Hand nehmen, und auch einen Kochlöffel allenfalls, um ausnahmsweise beim Luxus-Symposion vor seinen Kollegen zu brillieren. Nicht, um dem lästig schreienden Kind Essen zu machen. Bedürfnisbefriedigung ist Weiberkram. Der freie Mann dagegen hält sich für un-abhängig und befasst sich mit Theorie und Geist, mit Politik, Gleichheit, Kultur und Herrschaft. Er versorgt nicht, sondern lässt sich versorgen.

Und diese grundlegende Zweiteilung hat sich nun in der Moderne eben in der Wirtschaft selbst etabliert. Jetzt schweben oben das Geld, der Markt, das Management, die Theorie und der Profit. Die wirklichen Bedürfnisse werden nach wie vor in erster Linie in Haushalten befriedigt. Immer noch sind sie Alltagskram für Weiber, Bauern und andere Untergebene. Immer noch befasst sich der weisse bürgerliche Herr mit „Höherem“.

Diese Verkehrung geht sehr weit. Kürzlich zum Beispiel habe ich mit eigenen Ohren einen der renommiertesten Schweizer Wirtschaftsjournalisten den folgenden denkwürdigen Satz sagen hören:

„Uns Ökonomen ist es ja leider verboten, über menschliche Bedürfnisse zu schreiben.“[2]

So weit sind wir gekommen. Und jetzt haben wir die Finanzkrise, die Wirtschaftskrise, weltweit immer noch mehr Erwerbslosigkeit und Hunger. Ich war dieses Jahr wieder drei Wochen im Kongo. In Kinshasa ist es „normal“, dass Kinder nur einmal pro Tag etwas zu essen bekommen. Sogar Kinder von Lehrerinnen und Krankenschwestern. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei etwa 52 Jahren.

Ich plädiere für das, was ich „Ökonomie der Geburtlichkeit“ nenne.

Die noch immer gängige Moral der herablassenden Zuwendung zu den Armen hilft uns nicht weiter, denn sie lässt die Ursachen des Skandals unberührt. Auch „linke“ Analysen bringen nicht viel, denn sie tabuisieren die Zweiteilung der Welt entlang der Geschlechtergrenze, die aber in Wirklichkeit den Kern des Problems bildet.

Was schlage ich vor?

Ich schlage vor, die Zweiteilung der Welt als solche aus den Angeln zu heben. Wir können das zum Beispiel bewerkstelligen, indem wir noch einmal von vorne darüber nachdenken, wer wir als Menschen eigentlich sind.

Wir sind alle geboren. Das heisst: Egal, wie viel Geld wir auf unseren Konten angehäuft haben, sind und bleiben wir alle abhängig von Luft und Wasser, Erde und Feuer, von Pflanzen, Tieren, anderen Menschen, von Liebe, Zuwendung und Tradition. Freiheit ist nicht das Gegenteil von Abhängigkeit, sondern Freiheit existiert nur in Abhängigkeit. Der Geist schwebt nicht über dem Körper, sondern der Geist ist Körper. Die Welt wird nicht von unabhängigen cleveren Geistern gerettet, sondern von Leuten, die sich nicht zu schade sind, selbst die Scheisse ihrer Kinder in die Hand zu nehmen. Auf diese unabänderlichen Gegebenheiten des Menschseins hat sich auszurichten, was wir „Ökonomie“ nennen.

(Hier gibt’s mehr zum Thema.)


[1] Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5.

[2] Werner Vontobel am Abend des 20. November 2009 in Wattwil.

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