In einer suchenden Zeit. Aus der Fülle von GOTT sprechen

„Ich glaube an Gott.“ –

Vielleicht gab es tatsächlich einmal eine Zeit, in der dieser Satz für alle Christinnen und Christen nahezu dasselbe bedeutete, nämlich etwa dies: Ich glaube, dass oben im Himmel ein Herr auf einem Thron sitzt, der alles weiss und alles kann, der den Lauf der Welt bestimmt, einen Sohn hat und als Geist in unser Leben hinein regiert.

Aber was heisst schon „bedeuten“?

Es könnte nämlich auch sein, dass es diese Zeit nie gegeben hat, dass wir Heutigen, die wir uns für aufgeklärt halten, die Einheitlichkeit vermeintlich dunkler Vergangenheiten überschätzen. Womöglich hat sich zwischen festgefügten Glaubensformeln schon immer eine fröhliche Vielfalt von Gefühlen, Erfahrungen, inneren Bildern, Einsichten und Meinungen verborgen, die mit der jeweils offiziellen Dogmatik wenig zu tun hatten. Wer wollte diese Vielfalt ermessen – oder gar kontrollieren? Sicher: Kirchliche Obrigkeiten haben Menschen, die von der reinen Lehre ausdrücklich abwichen, immer wieder zurechtgewiesen. Was aber geschah mit denen, die sich hüteten, ihre unorthodoxen Gottgefühle preiszugeben? Die musste man wohl oder übel in Ruhe lassen. Es wäre interessant zu wissen, was genau die in Ruhe Gelassenen in ihren Köpfen, Herzen und Bäuchen bewegten. Die Frage ist unbeantwortbar, wie die meisten wirklich interessanten Fragen.

Gott: ein gastfreundliches Wort

Heute wird hierzulande keine mehr gemassregelt, die öffentlich erklärt, das Wort „Gott“ erwecke ihr ganz andere Vorstellungen als die eines Herrn da oben, zum Beispiel: das Gefühl der Geborgenheit in einer kosmischen Matrix, oder: Ehrfurcht und Demut angesichts des unverstehbaren Vielen, oder: Vertrauen, dass alles, trotz allem, irgendwie Sinn ergibt. Heute tritt nämlich, wer sich eingeengt fühlt, einfach aus der Kirche aus und geht anderswo suchen. Oder wir machen es uns als Grenzgängerinnen am Rande der vermutlich immer noch irgendwo gepflegten Rechtgläubigkeit gemütlich. Zwar gibt es noch Leute, zum Beispiel militante Atheisten, die meinen, der Glaube an Gott sei identisch mit dem an jenen höheren Romanautor, der ungefähr so aussieht wie der fliegende Grossvater auf Michelangelos Schöpfungsfresko. Aber solche Leute unterschätzen den Eigensinn der Gläubigen und die Gastfreundlichkeit des Wortes, um das sich die Sinngebungsmühen unzähliger Generationen gelagert haben und weiterhin lagern. Viel zu viel Hilfreiches hat sich um das grosszügige Wort „Gott“ gesammelt, als dass wir es zum alten Eisen werfen könnten, bloss weil bestimmte Orthodoxien sich als schädliche Ideologie erweisen. Der Satz „GOTT ist LIEBE“ (1 Joh 4,8) steht zum Beispiel schon in der Bibel. Von hier aus und von der Selbstvorstellung JHWHs als ICH BIN DA (Ex 3, 14, Buber und BigS) ist es nicht mehr weit zu Carter Heywards MACHT IN BEZIEHUNG, die schon unzähligen Frauen und Männern das GEHEIMNIS HINTER ALLEN UND ALLEM neu erschlossen hat.
Spielt es da eine Rolle, dass Schultheologen unbekümmerte religiöse Experimentierfreude als „Volksfrömmigkeit“ belächeln, bloss weil sie es nicht gewöhnt sind, Wirklichkeiten zur Kenntnis zu nehmen, die nicht schon vor fünfhundert oder zweitausend Jahren in Büchern standen?

Eine unendliche Fülle von Sinnempfindungen

Es tut gut, sich klar zu machen, dass es nicht nur neunundneunzig Namen für Gott gibt, sondern, laut einer Zusammenstellung der „British and Foreign Bible Society“, mindestens achthundertsechsundzwanzig. In so viele Sprachen wurde nämlich zwischen 1804 und 1956 die Bibel übersetzt. Ich zähle nur einige Gottesnamen auf: Jumala (estnisch), Nzambe (luba), Allah (arabisch), Prajov (siamesisch), Dieu (französisch), Hinegbau (igbira), Mwari (shona), Kamui (japanisch), Theos (griechisch)… Indem man all diese klingenden Schätze mit dem biblischen JHWH/Adonai/Elohim/Kyrios/Theos gleichsetzte, hat man unendlich viel ausgeschlossen. Gomang Seratwa Ntloedibe-Kuswani hat die missionarische Vereinnahmung anhand der „Setswana Bible“ untersucht. Über den Setswana Gottesnamen „Modimo“ schreibt sie:

„Modimo ke Selo se se Boitshegang, sagt man auf Setswana. Das heisst: Modimo ist etwas Geheimnisvolles, Ehrfurchtgebietendes. Diese Aussage lehrt uns einerseits, dass Modimo kein Wesen und keine Person ist, sondern ‚Etwas’. Zum anderen erfahren wir, dass dieses ‚Etwas’ geheimnisvoll ist und wahrscheinlich zu gross, um an einem Ort, in einem Buch oder in einer Tradition gefangen gehalten zu werden. … Modimo bleibt nach dem Verständnis des Setswana immer im Neutralen.“ … „Modimo kann weder personifiziert noch vergeschlechtlicht werden.“ (1) 

Indem Missionare und Bibelübersetzer das Wort „Modimo“ mit ihrer Idee vom biblischen Gott ineins setzten, entfremdeten sie die Setswana sprechenden Menschen ihrer eigenen Tradition und der Beziehung zum geheimnisvollen „Etwas“, das unversehens zum „Herrn“ und „Vater im Himmel“ mutierte. Die Missionare legitimierten den gewaltsamen Eingriff in die Sinnuniversen der Anderen mit der Theorie von der „praeparatio evangelica“, derzufolge „heidnische“ Gottesbegriffe als Vorstufen zur höheren Wahrheit des Evangeliums aufzufassen sind. – Postkolonial argumentierende Theologinnen und Theologen stellen diese Überlegenheitsdoktrin längst in Frage, fordern neue Bibelübersetzungen, rekonstruieren mit Erfolg differente traditionelle Sinnkonzepte und bringen sie ins Gespräch miteinander – und auch mit der biblisch-christlichen Tradition, die, befreit von dem Druck, höher und besser sein zu müssen als alles andere, womöglich neu zu leuchten beginnt.

Vom ETWAS zum HERRN und darüber hinaus

Laut neueren Forschungen zur Entstehung des Monotheismus ist in biblischer Zeit etwas geschehen, das der Vereinnahmung Modimos durch den „Herrn“ der Missionare nicht unähnlich ist. Zwar lässt sich nicht mehr einholen, wie Mose, sofern es ihn gab, das feurige Numinose empfunden hat, das aus dem dornigen Strauch zu ihm sprach. Aber dass Sara, Rebekka, Lea und Rahel sich keinen über allen Wolken thronenden Mann vorstellten, wenn sie JHWH anriefen oder EA oder ENLIL, ist doch recht wahrscheinlich. Vermutlich ist der EINE biblische GOTT nämlich in einem Zeitraum von mehreren Jahrhunderten aus zahlreichen Stammesgöttern und –göttinnen zusammengewachsen, die zunächst Eigennamen trugen, zum Beispiel „Jahwe“ oder „Ashera“ oder „Baal“. Diese Eigennamen lassen sich ihrerseits auf numinose Erfahrungen zurückführen, die denjenigen nahekommen, die Ntloedibe-Kuswani Modimo zuschreibt:

„Der Name (Jahwe I.P.) stammt, wie altägyptische Texte vermuten lassen, aus dem nordwestlichen Arabien und bedeutet wahrscheinlich ‚Er weht’ (von der Wurzel hawah). … Im Buch Exodus, Kapitel 3, wird er von der sehr ähnlichen Wurzel hajah her verstanden und als ‚Er ist da’ gedeutet.“ (2)

Erst im 3. und 2. Jahrhundert vor Christi Geburt hörte man in Palästina auf, GOTT mit einem Eigennamen anzurufen, und zwar vermutlich aus einem einfachen Grund:

„Der Eigenname (ist) … obsolet geworden, als sich zuerst im Judentum und dann im Christentum die Überzeugung durchzusetzen begann, es gebe nur einen einzigen Gott. Ein Eigenname ist (nämlich I.P.) nur dort sinnvoll, wo es viele Exemplare einer Gattung gibt. … Nachdem Jahwe für seine Gemeinden der Einzige seiner Gattung geworden war, erinnerte der Eigenname peinlich an eine Zeit, da er einer von vielen gewesen war.“ (3)

In den folgenden Jahrhunderten suchten die Menschen nach angemessenen Bezeichnungen für das, was sie allmählich als EIN UMFASSENDES zu erkennen gelernt hatten:

„Es herrschte ein ziemlicher Wirrwarr. Man ersetzte den Eigennamen durch ‚Gott’, ‚Herr’, ‚Allherr’ (Pantokrator), ‚der Name’, ‚der Ort’, durch vier Punkte, die die Lesung offen liessen, und anderes mehr. … In der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel … hat sich nach einiger Zeit das Substitut kyrios, ‚Herr’ durchgesetzt. Es findet sich … noch in vielen modernen Übersetzungen.“ (4)

Dieser Übergang von der Vielfalt der Eigennamen zum exklusiven und inflationär ausufernden Gebrauch des Ersatzwortes „Der Herr“ bedeutet laut Othmar Keel eine „Art Persönlichkeitsveränderung“ und „eine ungeheure Verengung“ (5), die der Vereinnahmung Modimos durch die christlichen Missionare ähnelt:

„Die Ersetzung von Jahwe durch „der Herr“ hat die offene Persönlichkeit Jahwes auf eine bestimmte enge, männliche Rolle eingeschränkt und seine schillernde, reiche Persönlichkeit verarmen lassen. Der Aspektreichtum des Geheimnisses, das Undefinierbare (…), das der Eigenname Jahwe evozierte, ging dabei weitgehend verloren. Verloren gingen vor allem die weiblichen Aspekte.“ (6)

Diese – im einzelnen wohl immer umstritten bleibende, in ihren Grundzügen aber kaum anfechtbare – Genealogie des vermeintlich ein für allemal geoffenbarten „Herrn“ befreit uns heute zu einem schöpferisch-spielerischen Umgang mit den unzähligen Namen und Begriffen für GOTT. Tatsächlich liegt es auf der Hand, das Jahrhunderte andauernde kollektive Experimentieren auf dem Weg zum männlichen Himmelsherrscher zur dekonstruktiven Arbeit (post)moderner Theologien, etwa der Feministischen Theologie in Beziehung zu setzen. So erinnert der „Wirrwarr“ der Jahrhunderte vor der und um die Zeitenwende…

„…auffällig an die Praxis der ‚Bibel in gerechter Sprache’, die eine Auswahl von Ersetzungen zur Verfügung stellt.“ Solches Ausprobieren „…ist typisch für eine suchende Zeit, die ein Problem eben erst entdeckt und noch keine für alle akzeptable Lösung hat.“ (7)

Die Entstehung des patriarchalen Monotheismus aus einer Welt göttlicher Eigennamen hat Jahrhunderte gedauert. Seine Auflösung in etwas, das noch nicht sichtbar ist, aber, so ist zu hoffen, entstehen wird aus dem Gespräch der vielen verschiedenen Menschen, die IHN/SIE/ES auf achthundertsechsundzwanzig und noch viel mehr Arten empfinden, wird auch nicht von heute auf morgen zu haben sein. Wie unsere jüdischen und frühchristlichen Vorfahrinnen und Vorfahren, die sich in der multikulturellen Welt des vielfach, schliesslich römisch besetzten Orient zurechtfinden mussten, leben auch wir in einer suchenden, einer aufregenden Zeit – auf ETWAS zu, von dem uns unsere Vorfahrinnen und Vorfahren glücklicherweise versichern, dass es GUT (Mt 19,17) und DIE LIEBE (1 Joh 4, 8) ist und immer bleiben wird.

In einer suchenden Zeit…

Wie sollen wir in dieser suchenden Zeit von GOTT sprechen? Wie sollen wir mit den niemals zu Ende beantworteten Fragen der Kinder umgehen, die wissen wollen, woher sie kommen, wer all das gemacht hat und wo die tote Oma jetzt ist? Wie soll ich als fromme Christin zu Zweiflerinnen, Verzweifelten und Suchenden reden, wenn wir immer noch Gefahr laufen, in Gottesdienste zu geraten, in denen das GEHEIMNIS ZWISCHEN UNS UND ALLEN mehr als fünfzigmal – ich habe mitgezählt! – „Der Herr“ genannt wird?

Ich spreche weiterhin von GOTT, mit wachsender Begeisterung. Wie Briefe, in denen mir meine Vorfahrinnen und Zeitgenossen mitteilen, wie es sich in der Welt gut leben lässt, lese ich die Heiligen und andere Schriften. Ich werfe die vielen Wörter in die Luft, knalle sie zuweilen zornig an die Wand, fange sie wieder auf, lasse sie liegen, verpacke sie sorgsam in Texte. Und immer wieder kehre ich ins Schweigen zurück, aus dem DAS NEUE ALTE zur Welt kommen wird, wenn IHRE, SEINE, UNSERE, DES LEBENDIGEN Zeit gekommen ist.

Anmerkungen
1. Gomang Seratwa Ntloedibe-Kuswani, Translating the Divine: The Case of Modimo in the Setswana Bible, in: Musa W. Dube ed., Other Ways of Reading. African Women and the Bible, Atlanta/Geneva 2001, 78-98, 83.
2. Othmar Keel, Wie männlich ist der Gott der Bibel? Überlegungen zu einer unerledigten Frage, in: Elisabeth Gössmann ua. Hgg, Der Teufel blieb männlich. Kritische Diskussion zur „Bibel in gerechter Sprache“, Neukirchen-Vluyn 2007, 87-92, 87.
3. Ebd. 88
4. Ebd.
5. Ebd. 88f.
6. Ebd. 89.
7. Ebd. 88.

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