Wirtschaft ist Care. Oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen

Abstrakte Begriffe wie „Ökonomie“, „Politik“ oder „Ethik“ kommen in der Bibel so gut wie nicht vor. Dennoch ziehen viele das Buch der Bücher zu Rat, wenn sie wissen wollen, wie ein gutes menschliches Zusammenleben aussehen könnte: Welche Arbeit ist notwendig? Was bedeutet Glück? Wie sollen wir mit Konflikten umgehen? – Die Bibel gibt auf solche Fragen keine rezepthaften Antworten. Sie ist ja kein „Buch“ im herkömmlichen Sinne, sondern eine Bibliothek, in der viele Bücher stehen, die aus verschiedenen Zeiten stammen und unterschiedliche Absichten verfolgen. – Aber es gibt da doch, zwischen allerlei Familienromanen, Heldengeschichten und Kriegsgetümmel, eine zarte, deutliche Linie. Wer sie entdeckt und  zu lesen versteht, erfährt, worauf das Ganze hinauslaufen soll:

Nähre, was dich nährt…

Am Anfang heisst es, DIE LEBENDIGE sei mit ihrem Schöpfungswerk zufrieden: Sieh hin, es ist sehr gut! (Gen 1,31). Daraus lässt sich ableiten, dass wir Menschen die Fülle, die uns täglich nährt – Luft, Wasser, Erde und alles, was sie hervorbringen – als den kostbaren Lebensraum annehmen sollen, den es zu bewahren und zu gestalten gilt. Tatsächlich: alle sind wir einander von IRGENDWOHER  geschenkt, alle werden wir täglich von der Matrix Kosmos gratis genährt, alle bleiben wir unser Leben lang von ihr abhängig. Gleichzeitig sind wir frei, uns einzufinden ins Werk der Mitschöpfung, also zu nähren, was uns immer schon am Leben erhält: Adonaj, deine Gottheit, sollst du achten, für sie arbeiten, an ihr hängen (Dtn 10, 20). Töte nicht! Stiehl nicht! Verleumde deine Nächste nicht! (Dtn 5,17, 19f). Nicht um Besitz oder Ruhm für mich und die Meinen anzuhäufen, soll ich also tätig sein, sondern um Leben in Fülle für alle (Joh 10,10) zu schaffen, als Mitschöpferin GOTTES. Und wer ist GOTT? – ICH-BIN-DA. Ein mitfühlender, gnädiger Gott bin ich, langmütig, treu und wahrhaftig (Ex 34,6). Von dieser anfänglichen Zusage spannt sich ein Bogen zu einem entscheidenden Satz ganz am Ende der Bibel: Die Liebe ist von GOTT. Alle, die lieben, sind von GOTT geboren und kennen GOTT. … denn: GOTT ist Liebe (1 Joh 4,8).

Was also sollen wir tun, als bezogen-freie, politische, wirtschaftende Wesen? Wir sollen, jede und jeder an ihrem unverwechselbaren Ort, dazu beitragen, dass alle im gemeinsamen Lebensraum Erde gut leben können.  So hört nun auf, euch zu sorgen und zu sagen: Was sollen wir essen? Oder: was sollen wir trinken? Oder: Womit sollen wir uns kleiden? … Gott, Vater und Mutter für euch im Himmel, weiss ja, dass ihr dies alles braucht. Sucht hingegen zuerst die Welt und die Gerechtigkeit Gottes (Mt 6, 31-33). Seid … vollkommen, wie euer GOTT im Himmel vollkommen ist (Mt 5, 48).

Wirtschaft ist: Füreinander sorgen

Eigentlich wäre das mit der vermeintlich so komplizierten Weltwirtschaft also ganz einfach: Weil wir unentwegt ganz viel geschenkt bekommen, ist es nichts als logisch, davon weiterzugeben, damit alle haben, was sie brauchen. Martin Luther hat, was Ethik, Politik und Wirtschaft verbindet, in seinem Text „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ schön schlicht auf den Begriff gebracht:

„Sieh, so fliesst aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu GOTT und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.“

Tatsächlich finde ich auf den ersten Seiten jedes Lehrbuches der Wirtschaftswissenschaften einleuchtende Sätze, die das Kerngeschäft der Ökonomie genau so, im Sinne der Sorge um menschliche Bedürfnisse, bestimmen. Zum Beispiel heisst es da:

„Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.“ (Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5)

Oder da steht, Ökonomie sei die…

„…gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität.“ (Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, Bern/Stuttgart/Wien 1998, 11),

Erst auf den folgenden Seiten erwecken die Autoren dann – ebenso unbegründet wie stereotyp – den Eindruck, in der Wirtschaft gehe es um nichts als Geld und Profit, um den Kampf um knappe Güter, um Aktiengesellschaften, Finanzprodukte und was der Lieblingsthemen moderner Marktwirtschaft mehr sind.

Wenn nun aber die Fachleute der Ökonomie selbst, ganz im Sinne der Bibel, die Sorge um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse als ihr Kerngeschäft ausgeben, wie kommen wir dann eigentlich auf die Idee, „Care“ müsse nachträglich und gegen Widerstand in vermeintlich wichtigere und höhere Sphären des Wirtschaftens integriert werden? Wie kommt es, dass im „Wirtschaftsteil“ der Tageszeitungen unendlich viel über Industriebetriebe, globale Finanzströme und Börsenkurse steht, fast nichts aber über Privathaushalte, Nachbarschaftshilfe oder Sozialarbeit?

Mir scheint: Die sogenannten Ökonomen spinnen, nicht ich, die postpatriarchal fromme Christin.

(Januar 2013)

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