Es geht um den postpatriarchalen Paradigmenwechsel

Es geht um den postpatriarchalen Paradigmenwechsel

Siebtes Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen (26.März 2013)

Beate Fehle: Seit gestern steht ein neuer, ein programmatischer Text zum Grundeinkommen im Netz.

Ina Praetorius: Ja, hier. Der Text heisst „Die unbezahlte Sorgearbeit ist ein zentraler Punkt der Schweizer Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“. Man kann ihn per Kommentarfunktion unterzeichnen.

Beate Fehle: Wie ist es zu diesem Text gekommen?

Ina Praetorius: Ich habe ihn am Montag, 18. März geschrieben, und zwar zunächst als Entwurf für eine Presseerklärung des Initiativkomitees. Ich fand, wir müssten uns zum UBI-Entscheid  äussern – und damit zur Frage, wie zentral nun eigentlich die Care-Ökonomie und die Geschlechterfrage für die Initiative sind.

Beate Fehle: Das Initiativkomitee hat aber kein Pressecommuniqué herausgegeben.

Ina Praetorius: Nein. Wir haben eine Woche lang, bis Palmsonntag, darüber diskutiert, allerdings nicht sehr intensiv. Der Grundtenor war, dass die Problematik der un- und unterbezahlten Care-Arbeit bloss mein Spezialthema ist, das ich zwar ruhig weiter verfolgen soll, das aber für das Komitee als Ganzes nicht von zentraler Bedeutung ist. Ausserdem hiess es, das Urteil der UBI richte sich doch ausschliesslich ans Schweizer Fernsehen und gehe uns nichts an. Gestern Morgen war dann klar, dass es keine Communiqué geben würde. Drei Komiteemitglieder waren dafür, vier dagegen. Daraufhin habe ich den Text als allgemeine Erklärung formuliert, und jetzt steht er auf der Seite abcdesgutenlebens im Netz und kann unterzeichnet werden.

Beate Fehle: Es gab also einen Konflikt im Initiativkomitee?

Ina Praetorius: Ja, und dieser Konflikt besteht, seit es das Initiativkomitee gibt. Letztlich geht es darum, welche Definitionen der Grundbegriffe „Wirtschaft“ und „Arbeit“ für uns gelten sollen: Meinen wir nur „Geldwirtschaft“, wenn wir „Wirtschaft“ sagen, oder meinen wir die gesamte „gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität“ (Peter Ulrich)? Meinen wir nur „Erwerbsarbeit“, wenn wir „Arbeit“ sagen, oder meinen wir alle gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten, also auch die 50 Prozent unbezahlte Tätigkeiten, die von viel mehr Frauen als Männern vor allem in privaten Haushalten erbracht werden? Dass das Projekt Grundeinkommen nur Sinn macht, wenn wir ausdrücklich vom „Ganzen der Arbeit“ (Adelheid Biesecker ua.) ausgehen, steht schon in dem Text „Sinnvolles Zusammenleben im ausgehenden Patriarchat“, den wir, die Gruppe „Gutesleben“ im Jahr 2004 verfasst und publiziert haben.

Beate Fehle: Ist es denn in der Bewegung für das bedingungslose Grundeinkommen nicht selbstverständlich, diese weitgefassten Definitionen vorauszusetzen? Ist das nicht sogar der Kern der ganzen Sache?

Ina Praetorius: Das könnte man meinen, ja, und im Komitee wurde mir auch immer wieder versichert, es sei doch selbstverständlich, so zu denken, und diese leidige „Frauenfrage“ hätten wir doch inzwischen wohl hinter uns. Aber in der beanstandeten Arenasendung redeten dann doch Männer 72 von 75 Minuten praktisch ausschliesslich über Erwerbsarbeit und die traditionell liberalistische Frage, wie man sie „freier“ organisieren könnte. Und kürzlich fand ich in einem offiziellen Text zu einer Sendung des Bayerischen Rundfunks diesen Satz: „Frauen würden (mit dem BGE) für die Familienarbeit bezahlt und wären nicht mehr – nur – vom Einkommen des Mannes abhängig.“ Solche „Missverständnisse“ sind keine Einzelfälle. Wir haben – als Komitee und als BGE-Bewegung – ganz einfach zu wenig Theoriearbeit geleistet. Und deshalb verflacht die Volksinitiative in der öffentlichen und, wie jetzt ersichtlich wird, auch in der komitee-internen Wahrnehmung immer mehr zu einem diffusen Projekt, auf das sich viele Sehnsüchte richten, das aber im Grunde eine Mogelpackung ist. Statt sich mehr oder weniger darauf zu verlassen, dass Götz Werner schon irgendwie Recht hat, hätte das Initiativkomitee sich, zum Beispiel, seriös mit der Stellungnahme von WIDE auseinandersetzen sollen, in der die „Geschlechtsblindheit“ der BGE-Debatte ausführlich analysiert ist.

Beate Fehle: Du sprichst vom Initiativkomitee, als wärst du nicht mehr dabei.

Ina Praetorius: Ja , so hört sich das an. Allerdings kann man nach eidgenössischem Recht aus einem Initiativkomitee nicht austreten, und das sehe ich als Chance. Ich bleibe also drin und führe die interne Debatte weiter. Allerdings sammle ich (vorerst) keine Unterschriften mehr, obwohl ich das erklärtermassen (vgl. zweites Gespräch „Diotima und das Grundeinkommen“) sehr gern gemacht habe. Aber nachdem durch die Weigerung des Komitees, sich positiv zum UBI-Entscheid zu stellen, klar geworden ist, dass es da diese grundlegenden Differenzen gibt, käme ich mir wie eine Lügnerin vor, wenn ich Leute auf der Strasse zum Unterschreiben auffordere. Das Komitee kann aber unsere Erklärung immer noch unterzeichnen. Hier steht sie.

Beate Fehle: Wie geht es jetzt weiter?

Ina Praetorius: Mein Ziel ist es nach wie vor, das Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt zu profilieren (vgl. erstes BGE-Gespräch). Das war, wie vor allem unser Text aus dem Jahr 2004 zeigt, noch nie anders und immer klar kommuniziert. Die Liste der Texte, die wir, die postpatriarchalen Befürworterinnen der Grundeinkommensidee, inzwischen geschrieben haben, ist ja schon lang, und die Debatte läuft, zum Beispiel in den vergangenen Tagen sehr intensiv und differenziert im Blog von Antje Schrupp. (Und hier geht’s schon weiter.) Diese ganze Geschichte ist auch ein Lehrstück hinsichtlich der Frage, wie ernst mann theoretische Debatten nimmt, die vor allem von Frauen bestimmt werden. Im Komitee hatte ich immer wieder den Eindruck, dass Männer – und auch bestimmte Frauen – sich nicht vorstellen können, dass Denkerinnen etwas wirklich Neues sagen können. Schon vor Jahren habe ich Texte über dieses lästige, aber historisch leicht erklärbare Phänomen geschrieben, zum Beispiel diesen. Der UBI-Entscheid ist in dieser Hinsicht etwas wirklich Neues, denn er sagt ausdrücklich und mit staatlicher Autorität, dass die Geschlechterfrage nicht mehr als „Nebenwiderspruch“ behandelt werden kann. Das bedeutet konkret, dass jetzt alle, die sich zu politischen oder ökonomischen Fragen sachkundig äussern wollen, die gesamte feministische Theoriedebatte der vergangenen vierzig Jahre nachlesen müssten. Das gibt viel zu tun!

Beate Fehle: Kann man sagen, dass es dir im Grunde nur in zweiter Linie darum geht, dass die Volksinitiative zustande kommt? Und in erster Linie um den postpatriarchalen Paradigmenwechsel?

Ina Praetorius: Ja, das kann man so sagen. Der UBI-Entscheid fühlt sich für mich so an, als ob eine in 35 Jahren Denkarbeit gereifte Frucht, angeschubst durch einen überraschenden Windstoss von oben, endlich vom Baum fällt. Dieses Ereignis ist wichtiger als die Frage, ob schon im Jahr 2013 in der Schweiz eine Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen eingereicht wird. Und damit wäre ich wieder mit dem Komitee einig. Auch Enno Schmidt und Daniel Häni, die selbsternannten „Väter“ der Volksinitiative, betonen ja immer wieder, dass es uns letztlich nicht um Kampf um Sieg, sondern um Nachdenklichkeit und Debatte geht. Wenn die Initiative zustande kommt, finde ich das gut. Wenn nicht, dann geht es halt anders weiter mit dem Paradigmenwechsel.

Hier kann man und frau die Erklärung unterschreiben. 

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