Sammeln und Beobachten

Sammeln und Beobachten

Viertes Gespräch mit Ina Praetorius über das bedingungslose Grundeinkommen (26. November2012)

Beate Fehle: Wann warst du das letzte Mal Unterschriften sammeln für die „Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen?“

Ina Praetorius: Das ist leider schon länger her. Am 20. Oktober habe ich zum letzten Mal einen Tag lang geerntet, in St. Gallen. Das Marktplatzphilosophieren fehlt mir schon richtig. Ich will möglichst bald wieder auf die Strasse, das nächste Mal vielleicht auf Französisch. Das wäre dann eine Win-Win-Win-Situation: Unterschriften ernten, Französischkenntnisse aufbessern, die Realität und möglicherweise anders geartete Argumentationen jenseits des „Röschtigraben“ beobachten.

Beate Fehle: Und was ist sonst so gelaufen in den vergangenen Wochen?

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Ina Praetorius: Gestern hat sich die Grundeinkommens-Community in Bern zu einem fröhlichen Fondue-Essen getroffen. Das war nett. Ja, es fühlt sich allmählich wirklich an wie eine „Community“. Besonders schön fand ich es, Leute aus der Westschweiz und die Jugendsektion „Generation Grundeinkommen“ kennen zu lernen. Die machen ja immer wieder mit phantasievollen Sammelaktionen von sich reden und sind auf eine genüssliche Art sehr sehr fleissig. Auch die ausführliche Vorstellungsrunde der ungefähr fünfzig angereisten Aktivistinnen und Aktivisten aus allen Teilen der Schweiz war spannend. Zwar hätten wir Frauen eigentlich streiken müssen, denn es hiess ausdrücklich, dass „jeder“ sich jetzt mal vorstellen soll. Gestern hatte ich aber keine Lust, die Nervensäge vom Dienst zu spielen und habe deshalb für einmal grosszügig über den sprachlichen Patriarchalismus hinweggesehen. Dass keine andere Frau den Part übernommen hat, fand ich dann allerdings erstaunlich. Hat sich die gute Gewohnheit, geschlechtergerecht zu sprechen, schon wieder aufgelöst? Oder nur in der BGE-Szene? Soll ich daraus schliessen, dass Frauen, die sich fürs BGE engagieren, doch eher wieder die brave Helferinnenrolle übernehmen? Wie hätten wohl die Männer reagiert, wenn ich die Vorstellungsrunde eingeleitet und dabei das generische Femininum benutzt hätte? Wenn ich also gesagt hätte, dass sich jetzt bitte „jede“ mal vorstellen soll?

Beate Fehle: Ist dieses Bestehen auf geschlechtergerechter Sprache nicht spitzfindig?

Ina Praetorius: Nein. Jeder einzelne Satz, der Frauen im generischen Maskulinum verschwinden lässt, zementiert die vergehende Ordnung. In einer Community, die sich avantgardistisch gibt, erwarte ich Sensibilität für die Geschlechterfrage auf allen Ebenen, und zwar von Frauen und von Männern. Im Übrigen gibt es durchaus Frauen in der BGE-Szene, die sich dezidiert postpatriarchal engagieren. So hat Martha Béery aus St.Gallen bei der UBI (Unabhängige Beschwerdeinstanz Radio und Fernsehen) offiziell Beschwerde gegen die Arenasendung vom 27. April 2012 eingereicht, wegen mangelnder Vertretung der Frauen. Der Entscheid wird demnächst publiziert.

Beate Fehle: Und hast du am 6. November in Wattwil Theo Wehner nach seiner Einschätzung der notwendigen unbezahlten Arbeit gefragt? Das hattest du uns ja in unserem dritten Gespräch in Aussicht gestellt.

Ina Praetorius: Ja. Er meinte, es sei vollkommen richtig, dass man diese „andere“ Art der Arbeit, also die un- oder unterbezahlte Care-Arbeit in Haushalten, Nachbarschaften usw. endlich wissenschaftlich untersuchen müsse. Sie sei als eine Arbeit sui generis aufzufassen, die sich nicht einfach mit den Kategorien der Erwerbsarbeit oder der Freiwilligenarbeit erforschen lasse. Weiter sind wir an dem Abend leider nicht gekommen. Die Frage, was das nun konkret bedeutet, ob es schon arbeitspsychologische Untersuchungen zur Motivation von Hausfrauen, Müttern, Vätern etc. gibt und wie die Resultate aussehen, kam leider nicht mehr zur Sprache. Ich werde dranbleiben. Alles in allem war der Abend zum Abschluss unserer Wattwiler Veranstaltungsreihe sehr spannend. Besonders eindrücklich fand ich den Befund, dass nachweislich für einen sehr hohen Prozentsatz der Menschen weltweit Anerkennung und Sinn in der Arbeit wichtiger sind als Geld. Und das überholte Wort „Work-Life-Balance“ durch „Life-Domain-Integration“ zu ersetzen, finde ich auch zukunftsweisend.

Beate Fehle: Und was machen deine theologischen Überlegungen?

Ina Praetorius: Der Vortrag, den ich am 7. November in Zürich-Neumünster gehalten habe, steht im Netz. Ich verfolge das Thema weiter und bin gespannt, ob andere sich anschliessen. Es geht da wirklich um den Kernbereich der Theologie, und zwar nicht nur der christlichen. Das neueste Buch des muslimischen Theologen Mouhanad Khorchide heisst „Islam ist Barmherzigkeit“. Darin steht zwar noch nichts vom bedingungslosen Grundeinkommen. Aber die sozialethischen Konsequenzen sind vorgezeichnet, wir müssten sie nur noch ausdrücklich ziehen und benennen. Und wir sollten, was sich „interreligiöser Dialog“ nennt, nicht länger auf Dogmenfragen beschränken. Im „ABC des guten Lebens“ nennen wir die notwendige neue Gesprächsform „Intervitale Gespräche“.

Beate Fehle: Ihr habt jetzt ungefähr 47000 Unterschriften. Das ist kein schlechtes Ergebnis. Weiter so!

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