Der Mensch ist auch Mensch, wenn er scheisst

Der Mensch ist auch Mensch, wenn er scheisst

Drittes Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen (6. Oktober 2012)

Beate Fehle: Der Herbst zieht ins Land. Wie geht es dem „postpatriarchalen Projekt Grundeinkommen“?

Ina Praetorius: Es geschehen interessante Dinge.

Beate Fehle: Gute oder schlechte?

Ina Praetorius: Wie man’s nimmt. Zum Beispiel hat vor ein paar Tagen, am 1. Oktober, der Wirtschaftsverband Economiesuisse zur Volksinitiative Stellung genommen. Seit Fazit: „Das Grundeinkommen würde zu einem massiven Rückgang der wirtschaftlichen Leistung und der Konkurrenzfähigkeit der Schweiz führen. Ein enormer Wohlstandsverlust wäre die Folge“. Okay, von dieser Seite war nichts anderes zu erwarten. Mir führt dieses Positionspapier aber wieder einmal deutlich vor Augen, welch verschiedene Gesichter meine Wahlheimat Schweiz hat. In unserem letzten Gespräch habe ich, wie du dich vielleicht erinnerst, von den grossartigen Möglichkeiten der direkten Demokratie geschwärmt. Wenn ich jetzt lese, wie fraglos der offizielle Wirtschaftsverband des reichsten Landes der Welt „Wohlstand“ mit dem Status quo gleichsetzt und „Wohlstandsverlust“ in der Schweiz als das wesentliche Problem der Zukunft benennt, dann möchte ich am liebsten gleich heute noch auswandern, und zwar in ein „ärmeres“ Land, in dem es womöglich noch andere Massstäbe für Lebensqualität gibt als das Bruttosozialprodukt oder was auch immer hier gemeint ist.

Beate Fehle: Okay, das ist verständlich. Und was passiert sonst noch?

Ina Praetorius: „Grundeinkommen TV“ hat ein paar neue Filme produziert. Zum Beispiel ein einstündiges Gespräch zum Thema „Argumentationen gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen“, interessanterweise mit einem Befürworter der ersten Stunde, nämlich dem deutschen Soziologen Sascha Liebermann. Der Moderator Enno Schmidt wirkt in diesem Gespräch authentisch verunsichert. Das ist gut so und liegt möglicherweise an bestimmten Entwicklungen der Schweizer Debatte um die Volksinitiative, die er nicht vorausgesehen hat. Auch die Frage der Feministinnen, ob das Grundeinkommen nicht auf eine „Herdprämie“ und damit auf eine Festschreibung der Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern hinauslaufe, kommt vor (ab Minute 25). Liebermann schmettert sie ab mit der zynischen Bemerkung, das sei aber eine „merkwürdige Vorstellung“. Schliesslich gebe es kein „Abordnungskommando, das die Frauen an den Herd zurückjagt“. Ich glaube kaum, dass solche schnoddrigen Sprüche kritische Frauen dazu bewegen werden, die Volksinitiative zu unterstützen, zumal im ganzen Gespräch nur Männer Namen haben: Mörgeli, Strahm, Köppel ua. kommen vor. Hingegen verschwinden die profilierten Gegnerinnen der Initiative, die sich schon im Mai mit einer Stellungnahme zu Wort gemeldet haben, ebenso wie kritische Befürworterinnen hinter der Sammelbezeichnung „manche Frauen“. Wir haben aber Namen, zum Beispiel: Ruth Ammann, Céline Angehrn, Adelheid Biesecker, Theres Blöchlinger, Dorothee Markert, Frigga Haug, Marianne Haueter, Simona Isler, Ursula Knecht, Ulrike Knobloch, Caroline Krüger, Mascha Madörin, Anja Peter, Ina Praetorius, Sandra Ryf, Antje Schrupp, Heike Wach, Therese Wüthrich und mehr. Wäre es nicht an der Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, dass es keine einheitliche „Frauenmeinung“ zum Thema gibt, sondern dass Frauen Individuen mit differenzierten Positionen sind, die man im Übrigen auch zum Interview einladen dürfte? –  Nicht besonders günstig fürs Klima ist wohl auch, dass Sascha Liebermann andersdenkende Leute in diesem Gespräch immer wieder verunglimpft, zum Beispiel  als „bösartig“ oder „unbarmherzig“. Das wirkt ziemlich schwach.

Beate Fehle: „Grundeinkommen TV“ hat aber auch ein Gespräch mit dir veröffentlicht.

Ina Praetorius: Ja, das dauert gerade mal sechs Minuten. Immerhin schaffe ich es in diesem Gespräch, ein paar Argumente, die mir wichtig sind, in Ultrakurzform rüberzubringen.

Beate Fehle: Und sonst?

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Ina Praetorius: Dann gibt es da noch das Gespräch mit Adolf Muschg, einem Altmeister der Schweizer Literaturszene. Von diesem Gespräch hätte ich mir mehr erwartet, denn am Lancierungsfest vom 21. April und in der Arenasendung vom 27. April hat Muschg eine wichtige Rolle gespielt als ein Intellektueller, der sich traut, gängige Quasi-Selbstverständlichkeiten couragiert in Frage zu stellen. Im TV-Gespräch entpuppt er sich dann aber als einer dieser klassischen „brillanten“ Bildungsbürger, für die Geschichte mit Sokrates anfängt und mit Goethe aufhört. Verräterisch ist dieser Satz, an dem Muschgs gesamte Argumentation für das Grundeinkommen hängt: „Eigentlich beginnt der Mensch da, wo er etwas nicht muss“ (Minute 12). Das ist die klassische herrschaftliche Vorstellung vom „wahren Menschen“, dessen „Freiheit“ darin besteht, die notwendige Befriedigung seiner Bedürfnisse an Untergebene – Bedienstete, Ehefrauen, Nutztiere… – zu  delegieren. Diesen Freiheitsbegriff haben wir hoffentlich bald hinter uns. Ich bin nämlich auch Mensch, wenn ich schlafe oder „mal muss“, also scheisse, oder wenn ich die Scheisse anderer wegputze. Was wir brauchen, sind sinnvolle Unterscheidungen diesseits der herkömmlichen, herrschaftlich konstruierten Dualismen: hier zum Beispiel die zwischen strukturell erzeugten, zum Beispiel bürokratischen, kapitalistischen oder moralistischen Zwängen, und elementarem, zur menschlichen Natur gehörigem Müssen, also Schlaf-, Nahrungs-, Ausscheidungsbedürfnis etc. und den entsprechenden notwendigen Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Waschen. Ein postpatriarchales Projekt ist das Grundeinkommen erst, wenn es die zweigeteilte Metaphysik der alten Griechen ausdrücklich ausser Kraft setzt und uns Menschen als frei und abhängig zugleich, als kulturelle und natürliche, als geist-körperliche Wesen wahrnimmt. In diesem Gespräch mit Adolf Muschg wird ganz deutlich, dass das postdualistische Menschenbild noch keineswegs die Regel ist. Wäre es den Initiantinnen und Initianten schon so selbstverständlich geworden, wie sie immer wieder behaupten, hätte Enno Schmidt an diesem Punkt nachfragen müssen, statt Einverständnis zu signalisieren. Meine Wette, dass es mir und uns gelingen wird, das bedingungslose Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt zu profilieren, ist also noch lange nicht gewonnen.

Beate Fehle: So, und jetzt möchte ich noch etwas Positives hören.

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Ina Praetorius: Das Beste war für mich, dass wir in meinem Wohnort Wattwil im September eine Art thematischen Schwerpunkt zum Grundeinkommen hatten. An zwei Samstagvormittagen haben wir in der Bahnhofstrasse Unterschriften gesammelt und dabei festgestellt, dass das auch in einer ländlichen Gemeinde Spass macht und Erfolge zeitigt. Und in der reformierten Kirchgemeinde gab es zwei Abendveranstaltungen zum Thema. Die erste hiess „Wer sind wir, dass wir arbeiten? Workshop zu Menschenbildern und Lebensentwürfen“. Da hat uns Pfarrer Dr. Tobias Claudy auf eine ebenso unterhaltsame wie geistreiche Art mittels Filmausschnitten und Disney-Charakteren mit festgefahrenen Kulturmustern rund um Arbeit und Menschsein konfrontiert. Am zweiten Abend zum Thema „Arbeit, Geld und Gotteslohn? Eine Bibelwerkstatt“ haben wir uns, angeleitet von Pfarrerin Dr. Trix Gretler, mit biblischen Schlüsseltexten zum Thema Arbeit befasst. Besonders aufschlussreich war für alle, dass damals wie heute nur ein geringer Teil der notwendigen Arbeit entlohnt wird, obwohl der Mythos, Geld gebe es nur für Leistung und umgekehrt gebe es für jede Arbeit Geld, fest in allen Köpfen sitzt. Die Reihe wird am 6. November mit einem Referat des Arbeitspsychologen Theo Wehner fortgesetzt und beendet.

Beate Fehle: Vertritt der nicht auch diese seltsame Zweiteilung der Arbeit, bei der es nur bezahlte und „freiwillige“, nicht aber notwendige unbezahlte Arbeit gibt?

Ina Praetorius: Ja, bis jetzt. Aber ich werde dann ja dabei sein und ihn direkt fragen können.

Beate Fehle: Ok, da darf man also gespannt sein. Und woran arbeitest du jetzt im Oktober, nachdem ihr euren Wattwiler Schwerpunkt schon fast abgeschlossen habt?

Ina Praetorius: In nächster Zeit werde ich mehrere Referate zum bedingungslosen Grundeinkommen halten, und die bereite ich jetzt vor. Eines ist besonders herausfordernd. Es heisst einfach „Bedingungslos?“. Darin werde ich mich endlich einmal ausführlicher befassen mit dem Zusammenhang zwischen der theologischen Figur vom „bedingungslosen Ja GOTTES zu und Menschen“ und dem sozialpolitischen Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens. Es ist gut, dass wir jetzt durch die vielen thematischen Veranstaltungsreihen die Chance haben, jenseits eines pauschalen Pro und Contra einzelne Argumentationslinien auszuziehen. In Bern beginnt bald eine Reihe, in der zum Beispiel die Fragen, was das Grundeinkommen für Menschen mit Behinderungen oder für MigrantInnen bedeutet, gesondert behandelt werden sollen…

Beate Fehle: Sehr spannend! Ich melde mich bald wieder…

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