Diotima und das Grundeinkommen

Diotima und das Grundeinkommen

Zweites Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen (1. August 2012)

Beate Fehle: Vier Monate liegt unser erstes Gespräch über das Grundeinkommen schon zurück. Damals, am 28. März 2012, stand die „eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ kurz vor ihrer Lancierung. Inzwischen habt ihr die Unterschriftensammlung mit einem grossen Fest in Zürich und einer gut besuchten Pressekonferenz in Bern in Gang gesetzt. Das Medienecho war gross, aber vor allem von skeptischen Tönen geprägt. Wie geht es dir heute, am 1. August 2012, dem Schweizer Nationalfeiertag, zwischen Feuerwerk und Bratwurst?

Ina Praetorius: Es ist ein sokratisches Gefühl: Mit dem Unterschriftenbogen und einem Kugelschreiber in der Hand stehe ich zum Beispiel auf dem St. Galler Marktplatz. Ich fasse mir ein Herz, gehe auf irgendeinen Menschen zu und beginne ein Gespräch über Grundfragen unserer Existenz: Was ist Arbeit? Was ist Geld? Welche Arbeit brauchen wir als Gemeinschaft, auf welche könnten wir verzichten? Sind wir Menschen tätige Wesen oder geborene Faulpelze? Warum kann man heute mit Waffenproduktion und Finanzspekulation viel Geld verdienen, nicht aber mit den Tätigkeiten, ohne die du als Säugling nicht überlebt hättest? Was ist der Sinn des Daseins in der Welt? Was kann ich, was willst du?

Hätte ich nicht diesen amtlich beglaubigten Bogen in der Hand, man würde mich für verrückt halten, aber mit dem Unterschriftenbogen habe ich einen ehrenwerten Status als Nutzerin meiner demokratischen Rechte. Ich finde das grossartig: diese Möglichkeit, Sinnfragen in den öffentlichen Raum zurück zu transportieren. Sie werden ja in unserer säkularisierten Kultur gewohnheitsmässig als „Privatsache“ gehandelt, sind aber eigentlich der Kern der Politik. Wie sollen wir politische Entscheidungen fällen, wenn wir  uns nicht über den Sinn des Ganzen verständigen?

Beate Fehle: Aber eigentlich geht es doch jetzt vor allem darum, möglichst bald die 100.000 Unterschriften zu sammeln, die es braucht, damit die Initiative zustande kommt? Ich habe gehört, dass ihr noch nicht einmal 20.000 beisammen habt. Das könnte knapp werden bis Oktober 2013.

Ina Praetorius: Ja, ich wünsche mir, dass die Initiative zustande kommt, und ich freue mich über jede Unterschrift. Trotzdem habe ich auch schon eine halbe Stunde mit zwei jungen Bankern diskutiert, die von Anfang an sagten, sie würden nicht unterschreiben, weil noch zu viele Fragen offen seien. Wir haben über Gott und die Welt geredet, ich kam mir vor wie Diotima und Jesus in einer Person. Und am Schluss haben sich die beiden smarten Jungs für die guten Denkanstösse bedankt und sind angeregt von dannen gezogen. – In der St. Galler Innenstadt trifft man am Samstag auch viele ausländische TouristInnen. Mit einigen von ihnen habe ich lange gesprochen. Viele, vor allem die Deutschen, hätten gern unterschrieben. Es gibt da einen gewissen Neid der Eurokrisengeplagten auf die Möglichkeiten der direkten Demokratie. Nein, wenn ich ehrlich sein soll, dann geht es mir vor allem um dieses wunderbare Strassenphilosophieren, erst in zweiter Linie um die Unterschriften. Am heutigen 1. August feiere ich vor allem die maieutischen Potentiale der direkten Demokratie.

Beate Fehle: Maieutisch?

Ina Praetorius: „Maieutik“ ist der Name für die Hebammenkunst, an der sich die Gesprächsführung des Sokrates orientiert hat. Er hat sie von seiner weisen Vorgängerin Diotima gelernt. Es geht darum, durch kluges Fragen Erkenntnis zur Welt zu bringen. So wie eine Hebamme durch kluges Tun Frauen beim Gebären hilft.

Beate Fehle: Am 28. März hast du gesagt: „Ich wette, dass es mir und uns gelingen wird, das bedingungslose Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt … zu profilieren.“ Wo steht diese Wette heute?

Ina Praetorius: Ich selber kann mir je länger je weniger vorstellen, wie man ohne eine postpatriarchale Weltsicht fürs bedingungslose Grundeinkommen werben kann. Das BGE gewinnt für mich nur Sinn, wenn ich ausdrücklich erkläre, dass Wirtschaft und Arbeit etwas anderes und viel mehr sind als das, was man heutzutage darunter versteht. Wer heute „Wirtschaft“ sagt, meint „Geldwirtschaft“, und wer „Arbeit“ sagt, meint Erwerbsarbeit. Ohne die  nicht geldvermittelten wirtschaftlichen Leistungen in Privathaushalten, Nachbarschaften, so genannten „Ehrenämtern“ usw. würde die Geldwirtschaft aber umstandslos zusammenbrechen, denn alle Menschen sind fürsorgeabhängig. Und etwa fünfzig Prozent der gesellschaftlich notwendigen Arbeit werden gratis geleistet. Erst von solchen Einsichten und den entsprechenden Neudefinitionen her wird sichtbar, wie absurd gegenwärtig mit menschlichen Bedürfnissen und Tätigkeiten umgegangen wird. Ein Manager verdient zweihundert Mal so viel wie ein Strassenreiniger, aber eine klassische Hausfrau verdient überhaupt nichts. – Jetzt haben wir endlich eine Möglichkeit, solche Zustände auf der Strasse mit den Leuten zu besprechen und gemeinsam Auswege zu suchen. Nur im Rahmen postpatriarchaler Neudefinitionen, also als integraler Bestandteil eines Paradigmenwechsels gewinnt das Grundeinkommen seine Bedeutung.

Beate Fehle: Das sehen aber nicht alle so.

Ina Praetorius: Nein, und das ist ein Grund, warum viele Leute finden, die Initiative sei schlecht durchdacht. Ein Beispiel: Immer wieder höre ich, das Grundeinkommen werde an den Löhnen nichts ändern, sondern als ein bedingungslos vom Staat ausbezahlter Sockelanteil einfach in die bisherigen Löhne „hineinwachsen“. Das stimmt aber nicht, denn die heutigen Löhne hängen noch dem Modell des „Ernährerlohns“ nach, sind also für mehrere Personen gedacht. Wenn nun aber HaushaltsarbeiterInnen und Kinder ein eigenständiges Einkommen haben, ändert sich das Lohngefüge langfristig massiv. Solche grundlegenden Verschiebungen den Leuten einzugestehen, ist manchmal nicht angenehm, aber wer selber denkt, kommt früher oder später von alleine drauf und fühlt sich dann zu Recht von den InitiantInnen verschaukelt. Es führt also kein Weg daran vorbei: Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine radikale Neuerung, die auf einer postpatriarchalen Neudefinition von Grundbegriffen wie Arbeit, Tätigkeit, Ökonomie, Leistung, Kultur usw. beruht. Und wenn alle aufgrund des Grundeinkommens tatsächlich die Chance wahrnehmen werden, einen neuen Gesellschafts- und Geschlechtervertrag auszuhandeln, wird unser Zusammenleben ganz anders aussehen. Ich persönlich glaube, dass das Grundeinkommen letztlich auf eine Gesellschaft hinausläuft, in der alle nur noch 10 bis 15 Stunden Erwerbsarbeit leisten. Aber das ist nur eine Vermutung. Im Grunde können wir heute nicht wissen, welche Auswirkungen das Grundeinkommen langfristig auf unser Zusammenleben hat. Diese Nichtprognostizierbarkeit des Kommenden macht vielen Leuten Angst, ist aber eine schlichte Tatsache, die immer besteht, auch ohne das Grundeinkommen.

Im Übrigen erscheint auch die Finanzierungsfrage, die bei der Überzeugungsarbeit auf der Strasse eine grosse Rolle spielt, vor dem postpatriarchalen Hintergrund in einem anderen Licht. Denn nur wer davon ausgeht, dass Fürsorgearbeit keine „richtige“ Arbeit ist und Schulkinder nichts für die Gesellschaft leisten, kann auf die Idee kommen, ein Grundeinkommen sei „teuer“ oder „unbezahlbar“ und „belohne Faulenzer“.

Beate Fehle: Und wenn die Leute die Chance, das Ganze neu zu sehen, nicht wahrnehmen, sondern einfach ihre angestammten Rollen weiter spielen? Die Frauen zuhause, die Migrantinnen und Migranten im Servicebereich und die freien Schweizer Mannen draussen im „feindlichen Leben“, sprich: auf den Chefetagen?

Ina Praetorius: Diese Gefahr besteht, und deshalb habe ich zum Beispiel im Buch „die Befreiung der Schweiz“ gefordert, dass die traditionelle, u.a. geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in den Debatten immer mit besprochen werden muss, oder anders ausgedrückt (ich wiederhole mich): dass das Ganze ohne postpatriarchale Grundlage keinen Sinn macht. Immer wieder höre ich, das Problem der so genannten „Dreckarbeit“ sei mit dem Grundeinkommen ganz einfach zu lösen: Entweder jeder macht sie selbst, oder wir erfinden dafür Roboter, oder wir bezahlen sie besser. Weshalb bezahlen wir sie aber nicht schon heute besser? Weil man als Mutter oder in Pflegeberufen schlecht streiken kann, ohne Menschenrechte zu verletzen, und weil es immer noch viele Frauen und MigrantInnen gibt, die meinen, schlecht bezahlte Dienst- und Fürsorgeleistungen seien ihre „natürliche Pflicht“. Warum sollten  sie diese patriarchale Selbsteinschätzung mit dem Grundeinkommen aufgeben, wenn wir nicht alle zusammen darüber nachdenken? Und übrigens: auch die pauschale Zusammenfassung notwendiger Fürsorge- und Entsorgungstätigkeiten unter dem abwertenden Begriff „Dreckarbeit“ ist ein Relikt aus der zweigeteilten Weltordnung des Patriarchats, das dringend diskutiert gehört. Ich bin schon dran.

Am 8. Juni hatten wir übrigens einen angeregten postpatriarchalen Abend im St. Galler Frauenpavillon, am 9. Juli den ersten ganztägigen postpatriarchalen Crashkurs in Basel, und in ein paar Tagen erscheint unser neues Buch „ABC des guten Lebens“.  Vieles ist unterwegs…

IMGP2508

Beate Fehle: Wie steht es also um die Wette?

Ina Praetorius: Paradigmenwechsel brauchen Zeit, Mentalitäten, die sich über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende aufgebaut haben, ändern sich langsam, und Kinder werden unter Schmerzen geboren. Womit ich wieder bei meiner Begeisterung für den maieutischen Charakter der Initiative angekommen wäre. Mir geht es bei meinem Engagement tatsächlich mindestens so sehr um die Vermittlung des  postdualistischen Denkens wie um das Sammeln möglichst vieler Unterschriften. Aber im Grunde lässt sich beides nicht voneinander trennen. Ob ich meine Wette gewinnen werde? Das ist nur eine Frage der Zeit.

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Ein Kommentar

  1. Starosczyk

     /  September 11, 2013

    Ich habe den Text „Dotima und das Grundeinkommen“ gelesen. Du berichtest darin von der Skepsis der Medien zu dem Thema bedingungsloses Grundeinkommen. Sie fragt: Was ist Arbeit? Was ist Geld? Welche Arbeit brauchen wir als Gemeinschaft, auf welche können wir verzichten? Warum kann man heute mit Waffenproduktion und Finanzspekulation viel Geld verdienen, nicht aber mit den Tätigkeiten, ohne die du als Säugling nicht überlebt hättest?

    „Das BGE gewinnt für mich nur Sinn, wenn ich ausdrücklich erkläre, dass Wirtschaft und Arbeit etwas anderes und viel mehr sind als das, was man heutzutage darunter versteht. Wer heute „Wirtschaft“ sagt, meint „Geldwirtschaft“, und wer „Arbeit“ sagt, meint Erwerbsarbeit. Ohne die nicht geldvermittelten wirtschaftlichen Leistungen in Privathhaushalten, Nachbarschaften, so genannten „Ehrenämtern“ usw. würde die Geldwirtschaft aber umstandslos zusammenbrechen, denn alle Menschen sind fürsorgeabhängig. Und etwa fünfzig Prozent der gesellschaftlich notwendigen Arbeit werden gratis geleistet. Erst von solchen Einsichten und den entsprechenden Neudefinitionen her wird sichtbar, wie absurd gegenwärtig mit menschlichen Bedürfnissen und Tätigkeiten umgegangen wird. .. Nur im Rahmen postpatriarchaler “ Neudefinitionen, also als integraler Bestandteil eines Paradigmawechsels gewinnt das Grundeinkommen seine Bedeutung.“

    Ja, und wir dürfen heute diskutierend Teil des Paradigma-Wechsels werden. Danke Ina, dass Du es auf den Punkt gebracht hast, dass der herkömmlich benutzte Arbeits-Begriff nichts taugt. „Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine radikale Neuerung, die auf einer postpatriarchalen Neudefinition von Grundbegriffen wie Arbeit, Tätigkeit, Ökonomie, Leistung, Kultur usw. beruht. Und wenn alle aufgrund des Grundeinkommens tatsächlich die Chance wahrnehmen werden, einen neuen Gesellschafts- und Geschlechtervertrag auszuhandeln, wird unser Zusammenleben ganz anders aussehen.“ Ich teile Deine Meinung in diesem Punkte vollständig. Ich persönlich weigere mich zurzeit in dem vorhandenen System für Geld zu arbeiten und dies ist für mich sehr problematisch! Ich werde meine Lebens-Energie nicht für die kapitalistischen Patriarchen mit ihren Gattinnen vergolden. Es tut mir z. B. sehr leid, dass die „Macht-Herren“ zuerst die potentiellen Terroristen mit Waffen ausrüsten – selbstverständlich Geld machend – und dann den verzweifelten Menschen mit Krieg drohen, wenn sie nun diese Waffen einsetzten! Paradoxer geht es nicht. Die Arbeiter in den Waffen-Fabriken verdienen Geld, während die zuhause sorgenden Frauen an diesem Verbrechen als Ehe-Frauen mitpartizipieren. Bascha Mika hat in ihrem Buch „Die Feigheit der Frauen. Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug“ diesen gesellschaftlichen Zustand des ausgehenden Patriarchats in dem hier diskutierten Sinne beschrieben.

    In Deiner Schrift Ina erwähnst Du auch den wichtigen Faktor der Finanzierung. Dazu habe ich in MatriaVal über Alwine Schreiber-Martens (http://www.youtube.com/watch?v=O-o70vak2R0) gelesen. Nach ihrer Vorstellung könnte z. B. das in der Gesellschaft angesammelte Geld für die Nutzung von Natur-Ressourcen an alle ihre Mitglieder gleich verteilt werden. Die umwelt-schonend-lebenden Menschen hätten so für sich Gewinne machen können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der heutigen Zeit all die Experten sich diesbezüglich nichts einfallen lassen können. Sehe z. B. auch die Gedanken von Bernd Senf und Andreas Popp (http://www.youtube.com/watch?v=SRufjhCv_Vk).

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