Sharon D. Welch, A Feminist Ethic of Risk (Rezension 2001)

Sharon D.Welch, A Feminist Ethic of Risk. Revised Edition, Fortress Press Minneapolis, 2000
Sharon D.Welch hat ihre in den achtziger Jahren unter dem Eindruck des Wettrüstens verfasste “Feministische Ethik des Risikos” aktualisiert. Jetzt bildet die nachsowjetische Aera mit ihren enttäuschten Friedenshoffnungen und neuerlichen Aufrüstungsbestrebungen der USA angesichts lokaler Konflikte – Ex-Jugoslawien, Somalia, Ruanda u.a. – den Kontext ihrer Ueberlegungen.
Welchs zentrale These heisst: Auch ein “guter Wille” führt zu mehr Krieg und Zerstörung, solange die Konzepte vom gutem Handeln, die der patriarchalischen euro-amerikanischen ethischen Tradition zugrunde liegen, nicht revidiert sind. Das entscheidende Dogma (“Master Belief”) im Zentrum dieser Tradition besagt, dass “Handeln” bedeutet, eine Situation unter Kontrolle zu bekommen und vorausberechenbare Resultate zu erzielen. Im lernbegierigen Dialog mit der literarischen Tradition der afroamerikanisch-womanistischen Gemeinschaft entfaltet Welch demgegenüber ein Verständnis von theologisch-spiritueller Ethik, das die prinzipielle Unberechenbarkeit der Ergebnisse des Handelns voraussetzt. Ziel ihrer Ueberlegungen ist es, ihrer eigenen von Resignation und Zynismus bedrohten weissen Mittelklasse ein Verständnis von moralischem Handeln nahezubringen, das auch jenseits revolutionärer Aufbruchsstimmungen zum kontinuierlichen Einsatz für ein besseres Leben befähigt.
Fünf afroamerikanische Romane (Paule Marshall, The Chosen Place, The Timeless People; Toni Morrison, The Bluest Eye; Mildred Taylor, Roll of Thunder, Hear My Cry; Mildred Taylor, Let The Circle Be Unbroken; Toni Cade Bambara, The Salt-Eaters) bilden das Analysematerial, anhand dessen Welch im zweiten Hauptteil des Buches die Unterschiede zwischen der Mainstream-“Ethik der Kontrolle” und der in Unterdrückung entstandenen “Ethik des Risikos” erläutert: Aufgrund einer Reihe oft uneingestandener Privilegien – Rechte, Besitz – erliegt die Ethik in aufklärerisch-kantischer Tradition der Täuschung, Menschen könnten allein, z.B. als professionelle Aktivisten handeln. Demgegenüber behauptet die Ethik der Unterdrückten die Unabdingbarkeit von Gemeinschaft. Während die Ethik des Risikos sich eingebettet sieht in Geschichte und Geschichten, begreift konventionelle Ethik Handeln tendenziell als geschichtslose Technik. Das weisse Mittelstandsethos verfällt in Resignation, wenn sich kein sichtbarer Erfolg einstellt, während die schwarze Gemeinschaft im Vertrauen auf generationenübergreifenden Widerstand handelt und Reife nicht als rationale Urteilsfähigkeit, sondern als tägliche Bejahung des Am-Lebens-Seins begreift.
Im letzten Teil des Buches bringt Welch die Ergebnisse ihrer Analyse mit aktuellen (feministisch-)theologischen und ethischen Debatten ins Gespräch. Von der Widerstandskultur in womanistischer Tradition aus gesehen erweisen sich kommunitaristische Ansätze als ebenso reduktionistisch wie Habermas` Theorie des kommunikativen Handelns, postmoderne Fragmentierungen oder herkömmliche theologische Denkfiguren wie die Rede von der Allmacht Gottes oder vom eschatologischen Vorbehalt. Zum Schluss entfaltet Welch eine Theologie der “beloved community”, die gegen Ungerechtigkeit dauerhaft Widerstand leistet, menschliche Kontingenz aber akzeptiert und aushält.
Dass die nicht unproblematische Methode, literarische Texte direkt mit theoretischen Konzepten zu konfrontieren, die Gefahr der romantisierenden Ueberfrachtung einer kulturellen Tradition in sich birgt, sieht Welch selbst (S.45). Dieser Gefahr hätte sie möglicherweise konstruktiv begegnen können, hätte sie sich selbst nicht nur als “Angehörige der weissen Mittelklasse” – ein Selbstkonzept, das nach der intensiven Arendt-Rezeption und den Debatten um Affidamento leicht antiquiert wirkt -, sondern als unverwechselbare Person zur Sprache gebracht.

Ina Praetorius, 3/2001

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