Allahu Akbar: Über Unterschiede, Gemeinsamkeiten und was auch noch möglich wäre

Viel ist zur Zeit von vielen komplizierten Unterschieden zwischen Kulturen und Religionen die Rede: Katholiken sind ganz anders als Protestanten, sie können noch nicht einmal gemeinsam das Abendmahl geniessen! (Abendmahl? Worum ging’s da nochmal?) Und dann gibt es da noch die Agnostiker und die Atheisten, die Säkularen und die Gleichgültigen, die Esoteriker und die Neopaganen, die Animisten, die Feministinnen und die Postpatriarchalen, die Linken und die Rechten und die Grünen, und die Muslime erst mit ihren Kopftüchern!

Als ich allerdings in den Jahren 2016 und 2017 kurz hintereinander erst in einem hochkatholischen, dann in einem tiefprotestantischen Milieu an internationalen Tagungen teilgenommen habe, da kam mir beides Jacke wie Hose vor: Am Ende sassen hier wie dort nur noch bleichgesichtige Theologen im Alter irgendwo zwischen 45 und 75 Jahren vorne und erklärten uns die Welt. Die einen redeten zwar Italienisch und Deutsch, die anderen Englisch und Französisch, aber was sie sagten, hörte sich gleich an: Es gibt viele schmerzhaft komplizierte Unterschiede zwischen uns Menschen! Hélas! Und dann noch dieses Problem mit den Muslimen!

Jeweils vor den „Zusammenfassungen der Ergebnisse“ hatten zwar an beiden Konferenzen jüngere und ältere Frauen und Männer aus allen fünf Weltteilen interessante Vorträge gehalten. Man hatte diese Leute sorgfältig ausgesucht, sie von überallher eingeflogen, sie am Flughafen abgeholt, ihnen säuberlich alle Spesen bezahlt. Man hatte Exkursionen für sie organisiert, man hatte den Konferenzen schöne Themen gegeben, man hatte ein gut durchdachtes Programm entworfen und entschieden, zu welchen Unterthemen die vielen hochqualifizierten Leute aus aller Welt reden sollten. Und das hatten die dann auch getan, denn wenn man eingeladen ist, dann freut man sich und ist dankbar und folgsam.

Vermutlich haben die Männer, die die katholische und die protestantische Tagung organisiert haben, den Referentinnen und Referenten aus aller Welt sogar zugehört, denn wenn man Leute einlädt, dann gehört es sich, dass man sie ausreden lässt. Die Zusammenfassungen, die die vielen bleichrosa Männer uns am Ende der vielen interessanten Vorträge vortrugen, wirkten dann aber eher so, als hätte man sie schon vor der Konferenz aufgeschrieben. Beweisen kann ich es zwar nicht, aber vielleicht liest ja einer der überaus ergebnisorientierten Organisatoren hier mit und erzählt uns, wie es wirklich war? Ob man das System, das man den vielen interessanten Vorträgen aus aller Welt am Ende der Einfachheit halber übergezogen hat, schon vor der Konferenz in der Tasche hatte? Damit wir schliesslich alle zufrieden nach hause gehen können, weil wir wieder wissen, dass es zwischen uns katholischen und evangelischen und atheistischen und agnostischen und esoterischen und muslimischen Menschen diese vielen komplizierten Unterschiede gibt, die aber zum Glück von hochdotierten verlässlichen weissrosa Männern längst auf den Begriff gebracht worden sind? Damit wir uns nicht fürchten müssen?

Man könnte es auch anders machen. Man könnte es den vielen hochqualifizierten Frauen und Männern aus aller Welt selber überlassen, worüber sie reden wollen. Vielleicht würden die bleichen Brüder dann sogar Neues lernen? (Neues? Was soll das sein?) Zum Beispiel, dass es zwischen uns Menschen auch viele Gemeinsamkeiten gibt? Weil wir schliesslich alle geboren, verletzlich, voneinander abhängig, Teil der Natur und sterblich sind? Dass wir deshalb sinnvollerweise alle zusammen dafür sorgen würden, dass es uns in dieser unserer einzigen gemeinsamen Welt möglichst gut geht? Weil wir nämlich zwar zum Glück wirklich ziemlich verschieden, aber gleichzeitig frei und begabt sind, sinnvolle Dinge zu tun?

Oder vielleicht würden die Gäste aus aller Welt auch etwas anderes sagen, von dem ich noch keine Ahnung habe. Allahu Akbar.