Fünfhundert Jahre Luther sind wahrscheinlich genug

oder: Ein Tag in Wittenberg im Juli 2017

Es ist alles ganz nett hier. Am Freitag, 28. Juli 2017, ist sogar das Wetter nett, und die Spesen sind bezahlt, inklusive Ticket für die „Weltausstellung Reformation“. Ich habe einen ganzen Tag Zeit, mir anzuschauen, wofür viele Protestantinnen und Protestanten seit Jahren arbeiten: r2017 in Wittenberg!

Im „Torraum 7 Kultur“ fange ich an, denn hier steht, zwischen „Paradiesgarten“ und „Strandkorb“ der Schweizer Pavillon namens „Prophezey“, den zu inspizieren man mich zuhause beauftragt hat. Er sieht unter den üppigen Baumkronen des gürtelförmig um die Altstadt angelegten Entfestigungsparks irgendwie aus wie das Urwaldspital von Lambarene und ist erwartungsgemäß solide. Man kann hier viel lesen. Dass die Schweizerische Bischofskonferenz tapfer Kirchenspaltung mitfeiert, freut mich, und dann darf ich sogar eine nachgebaute Druckerpresse Marke Gutenberg bedienen. IMG_1533

In den Torräumen „Globalisierung/Eine Welt“, „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ und „Jugend“ entdecke ich einen Kletterpark, viele Baumstämme, diverse satt mit Info abgefüllte Zelte und ein Reformations-Panorama von Yadegar Asisi, das nichts dafür kann, dass ich schon den weit bombastischeren Gasometer in meiner Ex-Heimatstadt Pforzheim gesehen habe. Nach einer etwas grimmig geratenen Segnung vor der „Lichtkirche“ der hessen-nassauischen Kirche ist Mittagspause.
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Weil an der Biofrittenbude niemand außer mir ansteht, habe ich schon vor dem Besuch des Torraums „Spiritualität“ viel Zeit und Platz ganz für mich alleine. Im Übrigen sind Selfiesticks, iPads, Waffen und Farbsprays, die meine Ruhe stören könnten, verboten. Wären also Leute da, die Graffitis oder Schlimmeres an Zeltwände sprühen wollen könnten, so dürften sie das nicht tun.

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Ob spiegelblanke Brücken, die ins Nichts führen, ein gutes Bild für Spiritualität sind, da bin ich mir nicht sicher, zumal „Spiritualität“ und „Luther“ mir nicht recht zusammenpassen wollen. Sowieso ist jetzt eher Kaffee als Selbstfindung angesagt, weshalb ich mich in die nahe Innenstadt begebe, wo es in vielen Cafés nicht nur Koffein, sondern schon wieder viel Platz für mich ganz alleine gibt, samt ein bisschen Klezmer von der Marktbühne.
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Ermuntert nehme ich Kurs aufs alte Gefängnis. Hier befassen sich 66 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten im Rahmen eines Projekts „Luther und die Avantgarde“ mit dem „Faszinosum Luther“. Das ist zwar extrem cool gemeint. Aber weil ich gleich am Anfang alle Wachheit an mein Tages-Highlight, die Videoinstallation „Casting Jesus“ von Christian Jankowski verschenke, bin ich von den restlichen 65 Werken restlos überfordert und frage mich, während ich mich durch drei düstere Stockwerke schleppe, wer das wohl alles bezahlt hat. Zum Deutschrocker Henning Wehland, der ab 19h von der Hauptbühne röhrt, halte ich Distanz, denn schon gestern Abend beschallte mich eine Stunde lang die bekannte Käßmann-Wecker’sche Entrüstung, und im benachbarten Schlosshof gibt’s gratis Luther-WLAN, was ich jetzt dringender brauche als Rock.
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Bei Matjesfilet und Saale-Unstrut-Silvaner frage ich mich in der lauen Marktplatzdämmerung, was das jetzt war. r2017 ist eine Art Christen-Dokumenta, ein im Rahmen des Üblichen durchaus anregendes Sammelsurium, in dem vieles Platz hat, aber nicht alles! Keine AfD! Keine Sprühdose! Kein heiliger Furor! Keine Ekstase! Keine neue Idee! Nichts, das sich (abgesehen von „Casting Jesus“) irgendwie nachhaltig einprägen oder das zum längerfristigen Dabeisein inspirieren würde. Nett halt. EKD halt, und demnächst vorbei. Man muss nicht hier gewesen sein.IMG_1465

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