Liebe Unternehmer*innen!

Keynote am Best Economy Forum 2021
WiC Blogpost Nummer 42

Ihr wollt, dass ich Euch das Ultrakurznarrativ „Wirtschaft ist Care“ erkläre.
Gut. Ich gehe aus von einem Satz, den ich schon gefühlt tausendsiebenhundertdreiundfünfzig Mal gehört oder gelesen habe. Der Satz heißt so: 

„Im Mittelpunkt des Wirtschaftens muss der Mensch stehen.“

Diesen oder vergleichbare Sätze kann man zum Beispiel in päpstlichen Enzykliken antreffen. Oder im Programm des World Economic Forum von Davos. Oder in Parteiprogrammen, von links bis konservativ. Auch im Umkreis des Best Economy Forum habe ich ihn gefunden, nämlich auf der Webseite der Gemeinwohlökonomie. Dort ist das Best Economy Forum so angekündigt:

„… Der Grundgedanke ist, dass eine Zukunft im Sinne eines Gemeinwohls nur dann gelingen kann, wenn die Wirtschaft den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht die Maximierung von Profit und Wachstum.“

Eine Doktorarbeit im letzten Jahrhundert

Wenn eine Aussage so allgegenwärtig ist und gleichzeitig nirgends Anstoss erregt, dann schaue ich nochmal hin: Was ist genau gemeint?
Schon in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe ich hingeschaut. Damals habe ich beschlossen, eine Dissertation im Fach Sozialethik zu schreiben. Und zwar genau zu dieser Frage: Was meinen Leute, zum Beispiel Ethiker, wenn sie „der Mensch“ sagen?

Um meine Forschungsfrage zu beantworten, habe ich neun Lehrbücher der deutschsprachigen protestantischen Ethik untersucht, die in den Jahren 1953 bis 1988 erschienen sind, dazu das „Handbuch der christlichen Ethik“ und die Jahrgänge 1981 bis 1990 der „Zeitschrift für Evangelische Ethik“. 

Herausgefunden habe ich, dass „der Mensch“ der Theologie mindestens bis 1990  ein weißer Familienvater mittleren Alters war. Frauen erscheinen als eine spezielle Untergattung, deren gesamte Existenz natürlicherweise auf Mann und Kinder ausgerichtet ist. Der Rest der Menschheit – also Säuglinge, Kinder, Alte oder Leute nichtweißer Hautfarbe und nichtchristlicher Zugehörigkeit etc. – ist nicht „der Mensch“, sondern „die Anderen“, oft „die Schwachen“.  

Im Jahr 1990 hat die Theologische Fakultät der Universität Zürich mir für diese Untersuchung zum Menschenbild der modernen Theologie die Promotion verweigert. Im Jahr 1992 hat die theologische Fakultät der Universität Heidelberg mich zur Doktorin der Theologie befördert. Dann erschien das Buch in zwei Auflagen.

Damit gilt heute als wissenschaftlich bewiesen: Wenn jemand von „dem Menschen“ spricht, dann ist höchst unsicher, ob alle Menschen gemeint sind. Es kann auch sein, dass der Sprecher oder die Sprecherin bewusst oder unbewusst nur bestimmte Menschen meint, zum Beispiel weiße Menschen, männliche Menschen, erwachsene Menschen, vernunftgeleitete Menschen, Menschen mit Geld, Menschen mit Macht und so weiter.

Der Mensch der Ökonomie

Wen meinen wohl Unternehmerinnen oder Ökonomen, wenn sie „den Menschen“ ins Zentrum allen Wirtschaftens stellen wollen? Das werde ich nicht auch noch akribisch untersuchen. Aber wahrscheinlich versteht ihr jetzt, dass und warum ich eine gewisse Skepsis hinsichtlich der Floskel vom „Menschen im Zentrum der Wirtschaft“ entwickelt habe.

Wenn eine Person oder eine Diskursgemeinschaft nämlich kaum je eine Frau und nie einen Säugling meint, wenn sie „der Mensch“ sagt, dann hat das Auswirkungen auf ihr gesamtes Weltbild und ihr Handeln: Es ist dann nämlich zu vermuten, dass bestimmte menschliche Eigenschaften unterbelichtet oder ganz vergessen werden, zum Beispiel die Fähigkeit und Möglichkeit, schwanger zu werden, menschliche Abhängigkeit und permanente Bedürftigkeit, Verletzlichkeit und Sterblichkeit oder die Tatsache, dass Menschen die Natur nicht von oben herab als „Umwelt“ kontrollieren können. Der Begriff Natur leitet sich vom lateinischen Verb nasci ab. Nasci heisst geboren werden. Natur ist alles, was wir nicht uns selbst verdanken. Wir verdanken fast nichts uns selbst. Nicht einmal uns selbst verdanken wir uns selbst, weil wir eben alle Geborene sind. Dass wir alle geboren und Teil der Natur sind, kann man aber leicht übersehen, wenn man nur weiße erwachsene Männer im Blickfeld hat. Denn traditionellerweise bemühen sich weiße erwachsene Männer systematisch, ihr Geborensein unsichtbar zu machen. Leicht wird auch vergessen, dass manche Menschen nicht sprechen können, dass nicht alle Geld haben und dass Menschen nicht immer vernünftig ticken, dass Menschen enorm lernfähig, neugierig und spielfreudig, aber oft inkonsequent und undiszipliniert sind. 

Wer den Menschen als weißen Familienvater denkt, tendiert also systematisch dazu, sich einen Geldverdiener vorzustellen, der sich für „unabhängig“ hält, der sich zwar vielleicht um „Bedürftige“ kümmert, selbst aber nicht bedürftig ist. Warum ist das so? Weil Familienväter im Patriarchat per Definition zuhause Leute hatten, die ihnen gratis das Mittagessen kochten, das Klo putzten, das Hemd bügelten und den Nachwuchs beaufsichtigten. Der Mensch als Frau hingegen ist eher daran gewöhnt, alle diese Dinge selbst zu erledigen. Und der Mensch als Säugling hat viele Jahre vor sich, in denen andere ihn begleiten und umsorgen, bis er oder sie dann schliesslich als Fachkraft, Chef oder artige Konsumentin auf der Matte steht.

Und wen meint denn ihr, liebe Unternehmer*innen, wenn ihr „der Mensch“ sagt?   

Das Patriarchat ist zu Ende: Wirtschaft wird Care

Meine nächste Frage heißt so: Wie sähe unser Weltbild aus, wenn wir „den Menschen“ nicht notorisch mit dem Prototypen des bürgerlichen Familienoberhaupts verwechseln würden? Mit anderen Worten: wenn wir nicht ein paar Tausend Jahre Patriarchat hinter uns hätten? Und wenn wir uns darüber klar wären, dass die hochgelobte Antike, die so genannte „Wiege des Abendlandes“, eine Sklav*innenhaltergesellschaft war, deren Struktur tiefe Spuren im Bewusstsein auch noch moderner Menschen aller Geschlechter hinterlassen hat?
Wenn wir also daran gewöhnt wären, dass wir unseren Dreck selber wegmachen müssen, weil es keine Untergebenen gibt, die das in verschwiegenen Privatsphären unsichtbar und gratis erledigen? Wenn wir uns also ein postpatriarchales Weltbild angewöhnen würden, wie sähe dann unser Wirtschaften aus? Und unsere Ideen von „Best Economy“?

Ich verrate euch die Antwort: Wir müssten und wir würden dann Ökonomie insgesamt als Care denken. Also nicht als ein „Business“, das unabhängig von der so genannten „Privatsphäre“ irgendwo in einem Büro oder einer Fabrik stattfindet und zwanghaft mit Geldverdienen verbunden ist. Sondern als eine Praxis, mit der wir für uns, für andere, für Kinder, Alte und für die Welt sorgen. Denn es gäbe dann ja keine Sklaven und keine Ehefrauen*, keine Au-Pair-Mädchen* und keine Großmütter*, keine Pendelmigrant*innen und keine Kinderarbeiter*innen in Kupferminen, keine Kastenlosen und keine Barbaren, keine Putzfrauen* und keine Straßenreiniger*, die von Natur aus meine Scheiße wegputzen, während ich im Home-Office sitze und clevere Businesspläne entwerfe.  

Das postpatriarchale Durcheinander

Vielleicht denkt ihr jetzt: Ja, aber genau so ist es doch schon! Wir müssen doch schon lange als Frauen und als Männer alles unter einen Hut bringen, Home-Office und Home-Schooling, Life und Work, Haushalt und Büro, Angehörigenbetreuung und Geldverdienen. Das geht doch längst alles total durcheinander. Das ist doch schon lange nicht mehr so schön getrennt wie im letzten Jahrhundert, als die Theologenmänner noch mit ihren dummen Büchern über Gott und „den Menschen“ den Ton angegeben haben!

Genau: Wir leben in einer Übergangszeit. Ich nenne diese Zeit das postpatriarchale Durcheinander.

Im postpatriarchalen Durcheinander sind die ehemals klaren Hierarchien zwischen innen und außen, privat und öffentlich, Business und Care aufgehoben. Väter kochen Brei, Mütter gehen Geld verdienen, oder umgekehrt, oder gleichzeitig, alles durcheinander. Alle sorgen dort, wo sie gerade sind, dafür, dass das Leben gelingt: das Zusammenleben von siebeneinhalb Milliarden Erdenbürgerinnen und Erdenbürgern, die gemeinsam den großzügigen, verletzlichen, bedrohten Planeten Erde bewohnen, den einzigen Lebensraum, der uns und unzähligen anderen Lebewesen gegeben ist.

Ich liebe dieses Wort: Durcheinander. Man kann es auf drei verschiedene Arten schreiben: in einem Wort, in zwei Wörtern oder in drei Wörtern.

Üblich ist die Schreibweise in einem Wort: Durcheinander. Dann bedeutet das Wort etwas wie Chaos. Das Durcheinander verunsichert, macht manchmal Angst, und es weckt einen Impuls zum Aufräumen. 

Durch einander in zwei Wörtern deutet einen Ausweg an. Statt auf Weisung von oben zu warten, machen wir uns auf den Weg, um mit einander und durch einander Lösungen zu finden: Wir möblieren die Wohnung um, damit alle ihren Platz finden. Wir experimentieren mit ungewohnten neuen Aufgabenteilungen, passen uns notgedrungen den neuen Verhältnissen an und entdecken manchmal überraschende Lösungen.

Durch ein ANDER in drei Wörtern ist grammatikalisch ein bisschen schräg, eröffnet aber nochmal ein neues Verständnis. Alle, die mit Religion oder Mystik nichts anfangen können oder ein Kirchentrauma haben, sollten jetzt kurz weghören, denn jetzt geht’s um DAS ANDERE in Grossbuchstaben, also um das UNVERFÜGBARE, das mein Kerngeschäft als Theologin ist. Früher nannte man es „das Göttliche“, manche nennen es heute noch so. 
Das Durch-ein-ANDER in drei Wörtern lässt diese Dimension herein. Mitten im Chaos, wenn alle die Orientierung verlieren, kann ich mich aufs unverfügbare ANDERE beziehen, zum Beispiel durch ein Stoßgebet: „Lieber Gott, mach’, dass es wieder gut wird!“ Das wirkt manchmal Wunder, weil mir klar wird: Ich muss nicht alles alleine stemmen, und oft kommt die Lösung aus einer unerwarteten Richtung. Das kann dann ziemlich glücklich und dankbar machen.

Best Economy

Und was ist jetzt „best economy“? – Logisch: Best Economy kann nicht ein gewöhnliches Unternehmen sein, das ein klassischer Kontrollfreak frei und unabhängig nach den üblichen „ethischen Kriterien“ gestaltet oder umgestaltet, während gleichzeitig, wie gehabt, irgendwer gratis sein Klo putzt. 

Warum nicht? Weil das Konzept vom „Betrieb“ wie auch die übliche Wirtschaftsethik das patriarchale Phantom „der Mensch“ in die Mitte stellen. Also einen erwachsenen Mann, der in einer Kommandozentrale rational entschieden hat, dass er von nun an die Umwelt schützen, gerecht sein und alles besser machen will, der aber noch nicht verstanden hat, dass er selber geboren, abhängig, verletzlich und sterblich ist. Dieser Kontrollfreak „Mensch“ ist und bleibt gefährlich, und wenn er es noch so gut meint.

Was also ist „best economy“? – Logisch: Best Economy ist Care. Und was das konkret bedeutet, darüber reden wir jetzt.
Und sag’ jetzt bitte keine*r: „Das ist aber gar nicht so einfach!“ Niemand behauptet, es sei einfach, die Menschenwelt nach mehreren Jahrtausenden Patriarchat neu zu gestalten. Aber es ist notwendig.