Wohlergehen wozu? Weil es uns gut tut!

WiC-Blogpost Nummer 44

Es ist erfreulich, wenn eine Ökonomieprofessorin für eine Bildungspolitik wirbt, die „alle Kinder mitnimmt“. Und auch wenn der US-Präsident viel Geld für ein gerechtes und grünes Amerika ausgeben will, bin ich ganz dabei. 

Nachdenklich machen mich aber die Begründungen, mit denen die Professorin, der Präsident und viele andere ihre Investitionsprojekte unterlegen: Die Bildungsoffensive werde „eine doppelte Rendite bringen,“ sagte Monika Schnitzer am 30. Juni 2021: Chancen für die Kinder und eine  leistungsfähige Wirtschaft! Joe Bidens sozial-ökologisches Zukunftsprogramm ist eingebunden in eine aggressive Geopolitik, insbesondere gegenüber dem Erzrivalen China. 

Bildung für alle soll es also nicht geben, weil Lernen ein Menschenrecht ist und Freude macht, und Eltern werden nicht vom Staat unterstützt, weil das ihnen und ihren Familien gut tut. Sondern weil einsatzbereite Fachkräfte gebraucht werden, damit brummende Volkswirtschaften Konkurrenten einschüchtern und sich im Wettbewerb um die Vorherrschaft auf  diversen Weltmärkten durchsetzen können.

In einem Gesprächsklima, in dem die Instrumentalisierung menschlichen Wohlergehens für die Mechanik der globalen Konkurrenz zumindest rhetorisch alternativlos geworden zu sein scheint, setzen zwei Wirtschaftswissenschaftlerinnen, Margareta Kreimer und Ines Heck, einen Kontrapunkt, den ich schon fast erlösend nennen möchte: Sie stellen sich der unhintergehbaren Tatsache, dass Tätigkeiten wie personenbezogene Dienstleistungen oder ökologischer Landbau im Vergleich zu rationalisierbarer Güterproduktion teuer sind und teurer werden. Schließlich kann man Kinder nicht immer schneller erziehen und Böden nicht immer effizienter ausbeuten, ohne ihnen zu schaden. Und dann kommen sie zu diesem Schluss: „Letztlich geht es darum, … wie viel uns ein gutes Miteinander wert ist. Dies ist eine hochpolitische Frage, deren Beantwortung mit ökonomischen Argumentationen nur bedingt erfolgen kann.“ Wohlbefinden ist also aus ihrer Sicht „… ein Zweck in sich selbst – und damit wertvoll genug.“

Manch eine*r wird die Idee, das Wohlergehen der Menschen ausdrücklich zum primären Ziel allen politischen und wirtschaftlichen Handelns zu erklären, naiv finden. Es gibt aber schon Staaten, die beschlossen haben, genau dies zu tun: Finnland, Island, Neuseeland, Schottland und Wales  haben sich zur „Wellbeing Economy Governments Partnership“ zusammengeschlossen und messen je länger je mehr den Erfolg ihrer Politiken nicht mehr nur am Bruttoinlandsprodukt (BIP), sondern an langfristigen Verbesserungen menschlichen Wohlbefindens in einer intakten Mitwelt als solchen. Sie fahren bisher recht gut damit. Das globale zivilgesellschaftliche Netzwerk „Wellbeing Economy Alliance“, mit dem das neue Staatenbündnis kooperiert, strahlt unwiderstehliche Zuversicht und Tatkraft aus.   

Nichts spricht dagegen, dass weitere Staaten sich dem Bündnis anschließen. Auch Deutschland, die EU, China und die USA könnten in Zukunft dabei sein. In vielen Ländern, zum Beispiel auch in der EU, gibt es schon Ansätze zu Messmethoden, die über das BIP hinausweisen auf umfassendere Vorstellungen von Wohlstand und Wohlbefinden. Sie müssen bekannter werden, brauchen Unterstützung und vor allem praktische Umsetzung.

Margareta Kreimer und Ines Heck, Doch nicht so krank? Eine feministisch-ökonomische Perspektive auf die Kostenkrankheit der sozialen Dienstleistungen, in: Bernhard Emunds, Julian Degen, Simone Habel und Jonas Hagedorn (Hg.), Freiheit – Gleichheit – Selbstausbeutung. Zur Zukunft der Sorgearbeit in der Dienstleistungsgesellschaft, Marburg 2021, 71-90, hier: 85)