Care, Frauen*streik und Klimastreik im postpatriarchalen Durch/einander

WiC-Blogpost Nummer 23

Am 14. Juni 2019 werden die Frauen* in der Schweiz streiken, wie damals 1991, als das Motto hiess: „Wenn frau will, steht alles still.“ Ich erinnere mich: Meine Tochter war zwei Jahre alt. Ich liess den Haushalt und die Arbeit an meiner Dissertation zum Menschen- und Frauenbild in der Ethik, die am 27. Februar 1990 von der Theologischen Fakultät Zürich abgelehnt worden war, einen Tag lang liegen, demonstrierte von Stadelhofen bis Helvetiaplatz und diskutierte danach im „Theater am Neumarkt“. Worüber, das weiss ich nicht mehr.

Was ist überhaupt ein Streik?

Das Evangelische Soziallexikon aus dem Jahr 1980 verweist mich aufs Stichwort „Arbeitskampf“. Im entsprechenden Artikel ist von Gewerkschaften die Rede, vom Recht der Arbeitgeber auf Aussperrung, von Bummel- und Sitzstreiks in Industriebetrieben. Einen Frauenstreik gibt es nicht. Arbeit ist definiert als Lohnarbeit, Streik als deren Verweigerung mit dem Ziel, Verbesserungen für die Belegschaft im kapitalistischen Betrieb zu erreichen. – Dafür gibt es aber im Evangelischen Soziallexikon einen langen Artikel zum Stichwort „Frau“. Auf vier Seiten ist von Familie und Geburtenregelung, von Schöpfungsordnung und Diakonissen die Rede, und ein bisschen von Gleichberechtigung. Zwischen „Manipulation“ und „Manteltarif“ hingegen fehlt das Stichwort „Mann“.

Drei Jahre später schreibt Ilona Ostner im Frauenhandlexikon:

„Die Idee eines Frauenstreiks … findet sich recht früh in Aristophanes’ Komödie Lysistrate (411 v.Chr.) … Historisch betrachtet haben sich  Frauen seit den Anfängen der Industrialisierung  zu gemeinsamen Aktionen zusammengefunden entweder als Lohnarbeiterinnen im Betrieb oder … als Haushaltsmitglieder, von denen täglich die fertige Mahlzeit, die saubere Wäsche und Wohnung erwartet wird.“

Eine etymologische Erklärung finde ich im Duden Herkunftswörterbuch: „Das zugrundeliegende Verb engl. to strike … bedeutet … ‚streichen; schlagen’ Es ist mit dt. streichen verwandt … ‚die Arbeit streichen’.“ Zu streiken bedeutet demnach unabhängig vom Kontext: die Arbeit ruhen lassen. Wozu? Zum Beispiel um ex negativo sichtbar zu machen, dass diese Arbeit existiert Oder/und um deutlich zu machen, dass sich etwas grundlegend ändern muss.

Von der „Rolle der Frau“ zur „toxischen Männlichkeit“

 Seit den 1980er Jahren hat sich einiges bewegt: Ausser in den Religionen hat man es aufgegeben, die „Stellung der Frau“ zum Thema zu machen, diskutiert stattdessen über „toxische Männlichkeit“. Viele scheinen verstanden zu haben, dass die Diskurskonstellation, an die man uns gewöhnt hat, kollabiert ist: Der vermeintlich neutrale Punkt, von dem aus man Jahrhunderte lang „Weiblichkeit“ definiert hat, während Männer die eigene Partialität hinter dem Herrgott, der Vernunft, wissenschaftlicher Objektivität oder staatlichem Gesetz verbargen, hat sich aufgelöst. Wir sind ins postpatriarchale Durch/einander geraten.

Für den 14. Juni 2019 bedeutet das: Aus dem Frauenstreik wird ein Frauen*streik – mit Genderstern. Denn mit der androzentrischen Konstellation ist auch die Idee zerbrochen, es gebe zwei und nur zwei Geschlechter, von denen das eine dem anderen mühsam begreiflich zu machen versucht, wo, ausser in der medial permanent grell beleuchteten Erwerbswirtschaft, auch noch gearbeitet wird, und wie existentiell die aufgeblasene Veranstaltung, die sich fälschlicherweise „Ökonomie“ nennt, auf die unbezahlten Tätigkeiten angewiesen ist. Seit 1997 erhebt nämlich auch das Schweizer Bundesamt für Statistik, wie viele andere entsprechende Ämter weltweit, die Daten zur Wertschöpfung in Haushalten, mit diesem Ergebnis:

„9,2 Milliarden Stunden sind im Jahr 2016 in der Schweiz unbezahlt gearbeitet worden. Das ist mehr als für bezahlte Arbeit aufgewendet wurde (7,9 Milliarden Stunden). Die gesamte im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken geschätzt … Die Frauen übernehmen 61,3% des unbezahlten Arbeitsvolumens, die Männer 61,6% des bezahlten Arbeitsvolumens.“

Angesichts solcher  Zahlen haben sich die „weiblichen“ Einstellungen des verzweifelten Bittens und des wütenden Forderns, die im Jahr 1991 noch überwogen hatten, erübrigt. Womit Frauen* heute konfrontiert sind, ist nicht mehr der arrogante oder paternalistisch-herablassende Herr, der sich seiner Überlegenheit gewiss ist, sondern ein ausgehöhltes Patriarchat in Schockstarre angesichts der Zerstörung, die die zweigeteilte symbolische und soziale Ordnung hinterlassen hat. Von April bis Oktober 2018 zum Beispiel hat sich der Verein WiC bemüht, einen wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich für die Organisation runder Tische zur Zukunft der Care-zentrierten Ökonomie zu gewinnen. Drei Fachbereiche haben ihr Desinteresse, acht ihre Inkompetenz bekundet. Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich hat bis heute nicht geantwortet. Der erste runde Tisch zur Zukunft der Care-zentrierten Ökonomie hat am 25. Januar 2019 in der Fachhochschule St. Gallen stattgefunden, typischerweise in Zusammenarbeit mit einem Fachbereich für soziale Arbeit. Weitere runde Tische werden folgen. Die Ökonom*innen werden früher oder später dabei sein, um mit uns zusammen darüber nachzudenken, wie wir aus dem postpatriarchalen Durcheinander in eine lebenswerte globale Zukunft finden können.

Arbeit und Schule streichen für das gute Leben aller im verletzlichen Lebensraum Erde

Wie schon der Frauenstreik 1991 wird auch der Frauen*streik 2019 dezentral organisiert sein. Ein gemeinsames Motto oder eine zentrale Forderung sind glücklicherweise nicht zu erkennen. Die Webseiten der regionalen Streik-Komitees sind ebenso unabhängig voneinander wie kreativ in den Reflexions- und Ausdrucksformen. Das ist sehr gut so. Denn der Frauen*streiktag 2019 findet im postpatriarchalen Durch/ein/ander statt, ohne fixes Programm, aber zeitgleich mit der globalen Bewegung Klimastreik der Schülerinnen und Schüler. Und in der Gewissheit, dass ein gutes Leben im grosszügigen und begrenzten Lebensraum Welt für Milliarden menschliche Würdeträger*innen möglich ist, wenn alle sich als careabhängig und frei zugleich erkennen und niemand über die Verhältnisse aller lebt.

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