Angela Häußler, Christine Küster, Sandra Ohrem, Inga Wagenknecht Hrsg., Care und die Wissenschaft vom Haushalt. Aktuelle Perspektiven der Haushaltswissenschaft, Wiesbaden (Springer) 2018, 252 Seiten

WiC-Blogpost Nummer 21

Es gibt sie: die Wissenschaft vom Haushalt. An der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Beispiel entstand aus einem im Jahr 1946 gegründeten „Institut für Ernährungswissenschaften“ ein Studiengang „Ökotrophologie“. In ihm gingen Ernährungs-, Natur- und Wirtschaftswissenschaft eine neuartige interdisziplinäre Verbindung ein. Von 1969 bis 1992 wirkte hier die Philosophin, Agrarökonomin und Sozialwissenschaftlerin Rosemarie von Schweitzer als Leiterin des im Jahr 1962 gegründeten „Instituts für Wirtschaftslehre des privaten Haushalts und Verbrauchsforschung“. Mit ihrer „Einführung in die Wirtschaftslehre des privaten Haushalts“ (Stuttgart 1991) hat sie ein erstes deutschsprachiges Standardwerk der Disziplin verfasst, die zwar noch immer keinen einheitlichen Namen, dafür ein umso agileres Innenleben hat.

Heute sind die Haushaltswissenschaften im Verhältnis zur Volks- und Betriebswirtschaft zwar immer noch weit unterdotiert und teilweise von Kürzungen bedroht, aber doch an zahlreichen Universitäten und Fachhochschulen (leider nicht in meinem Wohnsitzland Schweiz?) vertreten. Und immer deutlicher formulieren die HaushaltswissenschaftlerInnen die notwendige Kritik am Hegemonieanspruch einer geld- statt bedürfniszentrierten Ökonomie. Das zeigt sich zum Beispiel in einem TV-Gespräch der Reihe „Scobel“ vom 26. April 2018 und an der Festschrift „Care und die Wissenschaft vom Haushalt“, die soeben für Uta Meier-Gräwe, die kürzlich emeritierte Nachfolgerin Rosemarie von Schweitzers auf dem Gießener Lehrstuhl, erschienen ist. Das Buch bietet nicht nur einen facettenreichen Einblick in den aktuellen Stand der Disziplin, sondern ist auch ein Hinweis darauf, dass im Begriff und in der Sache „Care“ immer mehr unterschiedlich gelagerte Bewegungen in der Forderung nach einer erneuerten Praxis und Theorie des Ökonomischen konvergieren: Statt um Markt und Geld zu kreisen, soll menschliches Wirtschaften insgesamt sich wieder als arbeitsteilige Sorge um das Wohlergehen aller verstehen.

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Womit befassen sich denn die Ökotrophologinnen und Haushaltswissenschaftler heute? Die Festschrift für Uta Meier-Gräwe gibt Aufschluss: Sigrid Metz-Göckel skizziert eine Geschichte, über die ich gern ein ganzes Buch lesen würde: von der feministischen Hausarbeitsdebatte der 1970er und 1980er Jahre mit ihrer Idee „Lohn für Hausarbeit“ zur Care-Revolution und ihrer (umstrittenen) Sympathie für das bedingungslose Grundeinkommen. Diana Auth analysiert anhand der Entwicklung der deutschen Familienpolitik von 1998 bis 2015 Zielkonflikte und Konvergenzen der begründenden Leitideen „Wirtschaftsförderung“ und „Gleichstellung“. Jana Rückert-John und René John fördern interessante Erkenntnisse zum „Doing Gender“ im Ernährungsverhalten zutage: Warum signalisiert ein Steak noch immer Männlichkeit, Quinoasalat Weiblichkeit, und was bedeutet das? Mit der Frage, wie heterosexuelle Paare mit Kindern ihren Essalltag organisieren, befasst sich Nina Klünder, mit dem Ergebnis, dass die vielbeklagte Auflösung der Familienmahlzeit und das entsprechende „doing family“ sich empirisch nicht bestätigen lassen. Die Aufsätze von Brigitte Sellach und Mareike Bröcheler befassen sich mit dem Trend, häusliche Gratisarbeit durch haushaltsnahe Dienstleistungen zu ersetzen, und seinen vielschichtigen Konsequenzen. Pirjo Susanne Schack untersucht die Care-Praxen im vielbeforschten Ökodorf Sieben Linden und fragt, inwieweit alternative Lebensweisen sich auf die gesamtgesellschaftliche Reorganisation des Care-Sektors auswirken. Silke Mardorf gibt einen informativen Einblick in die Praxen und Methoden kommunaler Sozialberichterstattung und Sozialplanung. Mit der Frage, was es braucht, damit das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschriebene Recht auf Teilhabe an Gesundheit für Menschen mit Behinderungen Realität werden kann, befasst sich Reinhilde Stöppler. Angelika Sennlaub erforscht, wie die Wäscheversorgung in Pflegeheimen so organisiert werden kann, dass der Anspruch der BewohnerInnen auf Individualität und Wahrung der Intimsphäre gewährleistet ist. Ines Müller fragt, welche Art von Wohnraum und welche Wohnungspolitik es für eine Care-zentrierte Gesellschaft braucht. Adalbert Evers führt ins sozialstaatliche Rahmenkonzept des „Wohlfahrtsmix“ ein, das unterschiedliche Akteure mit ihren Stärken und Schwächen– Familie, Markt, Staat, Verbände – jenseits ideologischer Antagonismen im Sinne geteilter Verantwortung konstruktiv in Beziehung setzt. Cornelia Heintze und Miyoko Motozawa schliesslich vergleichen Organisationsformen des Care-Sektors in Deutschland mit denen in Skandinavien und Japan.

Der konzentrierte Einblick in aktuelle Reflexions-, Forschungs- und Handlungsfelder der Haushaltswissenschaft macht mir, der Care-Denkerin und –Aktivistin deutlich: anders als die neuen zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich für eine Care-zentrierte Politik und Wirtschaft stark machen, waren die Haushaltswissenschaften von Anfang an eingebunden in die Entwicklung faktischer Sozial- und Familienpolitiken, insbesondere durch die Ausbildung der AkteurInnen und empirische Begleitforschung. Daraus erklärt sich, dass Haushaltswissenschaftlerinnen dort, wo Care-Aktivistinnen grosszügige Visionen einer Care-Revolution oder einer Care-centered Economy entwickeln, eher kleinteilig, regional begrenzt und maßnahmenbezogen arbeiten. Das kann Revolutionärinnen ungeduldig machen, holt sie aber auch immer wieder heilsam zurück auf den Boden der Tatsachen. Eine nüchtern evidenzbasierte Care-Politik der konkreten Schritte, die sich inspirieren lässt vom ausgreifenden patriarchats- und kapitalismuskritischen Zukunftsdenken der wachsenden Bewegung für eine globale Care-Gesellschaft, sie könnte das zukunftsweisende Ergebnis einer Zusammenarbeit von Care-AktivistInnen und Haushaltswissenschaftlerinnen sein.

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