Das Von-der-Leyen-Paradox oder: Care im engeren Sinne braucht Care im weiteren Sinne

WiC-Blogpost Nummer 9

Im „ABC des guten Lebens“ steht:
„Das englische Wort ‚care’, das ins Deutsche übersetzt Fürsorge, aber auch Achtsamkeit, Obhut, Pflege und Umsicht bedeutet, steht zum einen für das Bewusstsein von Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Bezogenheit als menschliche Grundkonstitutionen und zum anderen für konkrete Aktivitäten von Fürsorge in einem weiten Sinne. Es geht um ein ‚Sorgen für die Welt’, und zwar nicht nur durch pflegerische und sozialarbeiterische Tätigkeiten oder Hausarbeit im engen Sinne, sondern auch durch den Einsatz für einen kulturellen Wandel.“

Diese Umschreibung von Michaela Moser begleitet und inspiriert mich, seit sie in der Welt ist. Aber die Auffassung, es gebe Care in einem weiten und in einem engen Sinne, und beides gehöre zusammen, hat auch ihre Tücken:

Kompensatorische Care-Arbeit

Dass der Begriff „Care“ mehr abdecken muss als traditionelle „weibliche“ pflegerische Tätigkeiten, nämlich eine umfassende für- und vorsorgliche Einstellung zur Welt, ist nichts als logisch. Denn es kann nicht Sinn von Fürsorge sein, in Gesellschaften, die sich insgesamt sinnlose oder gar zerstörerische Ziele setzen, Sphären zu etablieren, in denen Menschen für solche Ziele, zum Beispiel für den Profit einiger weniger, durch Care-Arbeit fit gemacht und fit gehalten werden. Die klassische Hausfrauenehe war eine solche kompensatorische Konstruktion: Ehefrauen stellten in diesem Arrangement Care-Arbeit gratis – gegen Kost und Logis – zur Verfügung, damit Ehemänner sich immer wieder neu, gesund und frisch, draußen im „feindlichen Leben“ ausbeuten lassen konnten. – Aus diesem unwürdigen Arrangement haben Frauen sich nicht befreit, um fortan unter gesteigertem Stress beides zu liefern: Gratisfürsorge für (zukünftige) LohnarbeiterInnen plus eigene, meist unterbezahlte, kapitalistisch organisierte Erwerbsarbeit. Auch bezahlte Care-Arbeit in Pflegeinstitutionen kann nicht zum Ziel haben, ein Wirtschaftssystem zu schmieren, das sich auf die (Über-)Produktion sinnentleerter Waren und Dienstleistungen – Waffen, Finanzprodukte, Wegwerfartikel, Schönheitsoperationen… – kapriziert. Pfleglich mit Menschen und Dingen umzugehen, ergibt nur Sinn, wenn alle Beteiligten sich gleichermaßen auf Care verpflichten, auch in Fabriken, Banken und Armeen. Die Bemühungen der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, aus der deutschen Bundeswehr einen egalitären familienfreundlichen Betrieb zu machen, werden mit gutem Grund Anlass zum Spott bleiben, solange der Soldat, der sich aus Fürsorge für die Menschheit dem Kampf verweigert, noch nicht erfunden ist.

Care als geschlechtsneutraler Wert

Care geradewegs zu einem allgemeingültigen Prinzip zu erklären, ist aber andererseits in Gesellschaften, die traditionelle Care-Tätigkeiten nach wie vor an bestimmte Menschen, zum Beispiel Mütter oder Migrantinnen, delegieren, nicht unproblematisch. In Veranstaltungen zu alternativen, postkapitalistischen, ökologischen Formen des Wirtschaftens, in der Kirche und in traditionellen Frauenorganisationen erlebe ich immer wieder, dass „Care“ zum Passepartout für alles mögliche Nichtegoistische wird, das man irgendwie gut findet und für sich beansprucht: Religiöse Lebenseinstellungen, ökologisches Wirtschaften und Commoning seien doch längst und überall Care, heisst es da, und ökologische Landwirtschaftsbetriebe, zum Beispiel, folgten selbstverständlich den Kriterien der Care-Ethik im Sinne eines sorgsamen Umgangs mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen, also überhaupt von allen mit allem. – Als unliebsame Störung empfindet auch mancher Pfarrer und postkapitalistische Manager die Frage, wer denn da nun genau für welchen Lohn welche Arbeit leiste, wer zum Beispiel aus Babies die gutausgebildeten, vernünftigen Erwachsenen mache, die sich dann, stabil und enthusiatisch, in alternativen Betrieben engagieren. Mit Vorliebe verweist man, um die Störung abzuwehren, auf das bedingungslose Grundeinkommen, das uns dann bestimmt  irgendwann die Sorge um die Existenzsicherung auch der „reproduktiv“ Tätigen abnehmen werde…

Care im postpatriarchalen Durcheinander

Das bedingungslose Grundeinkommen aber existiert noch nirgends auf der Welt. Gerade haben die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger es mit einer Mehrheit von fast 80 Prozent abgelehnt. Und das bedingungslose Grundeinkommen ist kein Hausfrauenlohn. – Ich werde alles tun, um zu verhindern, dass die Aussicht auf ein dereinstiges bGE begeisterte Altruisten von der Nachdenklichkeit darüber entlastet, wer in ihren enorm fortschrittlichen Projekten Care-Arbeit „im engeren Sinne“, also die Reproduktion ihrer Arbeitskraft und die Produktion des fitten Nachwuchses leistet und leisten soll. Die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen werde ich, sollte sie mir einmal begegnen, fragen, wie sie den Soldatinnen und Soldaten der deutschen Bundeswehr denn erklärt, dass sie die eigenen Kinder partnerschaftlich erziehen, die Kinder der anderen aber umbringen sollen. Und in der Care-Revolution werde ich mich dafür einsetzen, dass es um beides geht: eine würdige, gerechte Organisation von Care-Arbeit im engeren Sinne und den Paradigmenwechsel hin zu einer Care-Centered Economy. Beides ist im postpatriarchalen Durcheinander keineswegs konfliktfrei miteinander vereinbar. Und beides ist notwendig.